
Archiv für Juni, 2008
Evas EM-Tagebuch (4): Sonnenwende
Wenn man in Semmering die Hauptstraße hinunterläuft, kommt man an mindestens vier schwarzen Brettern vorbei. Jeder hier scheint ein schwarzes Brett zu haben. Mein Lieblingsbrett war von Anfang an das der Freiwilligen Feuerwehr Semmering: Mit einem bunten Ausdruck wurde dort die Bevölkerung über die letzte wagemutige Aktion der Feuerwehrleute informiert. Sie hatten eine junge Katze gerettet, die sich auf dem Golfplatz nicht mehr von einem Baum heruntertraute. Nach einem misslungenen Fluchtversuch konnte man sie schließlich buchstäblich „einsacken“. Und man ist modern in Semmering: Alle Fotos dazu gibts im Internet.
Auf einem anderen schwarzen Brett informiert das Dorf über alle Veranstaltungen des jeweiligen Monats. Dort las ich letzten Samstag von einer Sonnenwendfeier auf dem Zauberberg, dem örtlichen Skiberg, die just an diesem Tag stattfinden sollte. In meiner wehmütigen Sehnsucht nach Schweden hatte ich geglaubt, dieses Jahr gar nicht zu einer Sonnenwendfeier gehen zu können – wie froh war ich, als ich von dieser las!
Von einer Sozialisierungsproblemattacke geschüttelt machte ich mich abends klammheimlich aus dem Staub, um ein paar Stunden allein auf dem Zauberberg zu verbringen. Es war so schön! Ich fuhr mit dem Lift hinauf, als es noch ganz hell war, kletterte auf einen Aussichtsturm und aß eine österreichische Suppe. Stumme Schneemaschinen und lahme Lifte erinnerten an den Hochbetrieb, der dort im Winter herrschen muss. Als es dunkel wurde, begann auf der Hütte eine Country-Band zu spielen. Die Musik war so amerikanisch wie in „Sweet Home Alabama“, das Fest so gemütlich wie in „Chocolat“.
Mit Einbruch der Dunkelheit kam die Freiwillige Feuerwehr mit einem großen Wagen an, um das große Sonnenwendfeuer zu entzünden. So viele Menschen waren dort um zu feiern, und gleichzeitig war es so ruhig und romantisch und sogar ein bisschen schwedisch. Ich habe es sehr genossen und mein Buch ausgepackt und am Feuer gelesen, bis meine Knie so heiß waren, dass es sich anfühlte, als würden sie so lodernd brennen wie das Feuer selbst. Da bin ich zurück hinunter ins Dorf gefahren und hatte für zwei Tage genug Ruhe gehabt.
Am nächsten Mittag kam ich wieder am schwarzen Brett der Freiwilligen Feuerwehr vorbei. Dort hängt jetzt ein Bericht über die Sonnenwendfeier, bei acht Mitglieder als Brandsicherheitswache im Einsatz standen und das Feuer erfolgreich in Schach hielten. Fotos davon gibt es – natürlich – im Internet.
Evas EM-Tagebuch (3): Das Sozialisierungsproblem
Schon vor Jahren habe ich immer davon geträumt, mal eine Zeit als Internatsschülerin zu verbringen. Ich stellte mir eine Mischung aus Hanni und Nanni, Schloss Einstein und Schule Schloss Salem vor – mit mir mitten drin. Lustige Cliquen, die Mitternachtspartys veranstalten, coole Lehrer und gemeinsames Mittagessen, ja sogar Hausaufgabenzeiten und Joggingzwang gefielen mir in diesem Zusammenhang.
Inzwischen hatte ich nicht mehr damit gerechnet, so etwas noch einmal erleben zu dürfen. Tatsächlich ist diese Sommerakademie aber wie ein Internat auf Zeit. Wir wohnen in einer Schule für Tourismus und Management, die von Schülern unseren Alters besucht wird. Viele von ihnen kommen von weit her und wohnen deshalb im angeschlossenen Internat. Dann liegen sie wie wir abends erschöpft in ihren Viererzimmern oder sitzen noch am Schreibtisch oder im Computerraum, um etwas auszuarbeiten. Wie wir essen sie drei Mal am Tag in der Mensa, wo es immer Salat und meistens auch noch etwas anderes Leckeres gibt.
Sie treiben Sport in der hauseigenen Turnhalle und gehen vielleicht auch morgens um sechs mit ihrem Deutschlehrer joggen (freiwillig). Wie wir werden sie dauernd den Weg herunter ins Dorf machen, wo der einzige Supermarkt am Ort bis abends um sechs geöffnet hat, und im Gemeinschaftsraum zusammen fernsehen. Womöglich dürfen sie auch jederzeit und umsonst im Grand Hotel nebenan schwimmen gehen. Alles in allem: Es ist toll.
Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es sein muss, ein Internatsleben zu führen. In einer Gemeinschaft, die sehr viel enger ist als die einer normalen Schule, wo jeder sich kennt und man mit vermeintlich fremden Zimmergenossinnen offener umgeht als mit manch einer Freundin zuhause.
Diese erfreulichen Einblicke werfen aber auch Fragen auf: Bewirkt das ständige Leben in der Schulgemeinschaft eine geringere Bindung zur eigenen, weit entfernten Familie? Wird es – vor allem in einem kleinen Dorf wie Semmering – nicht irgendwann langweilig? Und: Wie viel Privatsphäre ist jedem Einzelnen noch garantiert?
Letztere Frage ist mein größtes Problem. Mir fällt es schwer, permanent, wirklich die ganze Zeit unter Menschen zu sein, ja, ich kann sogar ziemlich ungemütlich werden in Situationen, in denen es nicht anders geht. Das eigene Zimmer mit drei Mädchen, zweien davon Stubenhockerinnen, zu teilen, führt manchmal zu solchen Situationen. Ich nenne das immer mein „Sozialisierungsproblem“ und übe momentan, es zu überkommen.
Das fällt nicht schwer, weil es nur nette Leute sind, die einen hier umgeben. Sie bieten dir an, in ihrem Zimmer aufs Klo zu gehen, weil sie denken, du hättest deinen Schlüssel vergessen, und rennen los, um ihren zu holen, wenn du dich wirklich mal ausgeschlossen hast. Sie wollen, dass du zuerst duschst, weil du verschwitzter aussiehst als sie – obwohl sie schon mit Handtuch und Duschgel im Bad stehen – und fragen dich ganz traurig, warum du allein unterwegs bist, wenn sie dir auf dem Weg zum Supermarkt entgegenkommen.
Ich gehe allein in den Supermarkt oder zum Schwimmen, weil ich ab und zu meine Ruhe brauche, weil es mein Sozialisierungsproblem löst. Und alle sind so nett und verstehen das.
Vielleicht liegt das daran, dass wir eine Gemeinschaft auf Zeit sind. Jeder weiß, ab Samstag ist er die Anderen wieder los. Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass wir alle freiwillig hier mitmachen. Dass niemand murrt, weil er sich sechs Stunden lang voll konzentrieren und abends noch Hausaufgaben machen muss, während die Freunde daheim längst Ferien haben.
So oder so: All das macht es heute zu einer großen Freude, endlich mal ein EM-Spiel anzuschauen. Im Gemeinschaftsraum. In einem richtigen Internat.
Evas EM-Tagebuch (2): Der Faust aufs Auge
Am ersten Tag gibt es gleich eine Verletzte, am zweiten Tag ein Pärchen und am dritten Tag reisen die Ersten ab – allerdings nicht, weil es ihnen schlecht gefällt oder sie Heimweh haben, sondern weil sie im EU-Kurs sind, der für vier Tage nach Brüssel fliegt um vor Ort weiterzuforschen. Zu gerne würde ich mit meinem Kurs auch nach Washington, D.C. fahren, aber das ist wohl nicht drin.
Trotzdem fühle ich mich dort viel wohler, als ich gedacht hatte – entgegen meinen Erwartungen bin ich nämlich nicht aus Versehen in einen Haufen Überflieger geraten. Außer unseren Lehrern, einer Österreicherin und einer ganz jungen Amerikanerin aus Portland, sprechen alle gepflegtes Schulenglisch, niemand hat eine Klasse übersprungen – ja, es haben nicht einmal alle die Lektüre („Stupid White Men“ von Michael Moore) vorbereitet. Im Gegenteil: Manch einer weiß nicht einmal, wie man McCain schreibt.
Sechs Stunden am Tag haben wir Unterricht, aufgeteilt auf Vor- und Nachmittag, und unsere Lehrerinnen sind ständig bemüht, das Ganze möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Wir lesen Zeitungen und das Time Magazine, sehen und berühmte Reden an und die tollen „School House Rocks“-Lehrfilme aus den USA. Dazu kommen immer wieder Internetrecherche und eigene Vorträge, und wer weiß, was die beiden noch geplant haben.
Doch mit den sechs Stunden Unterricht am Tag ist es noch nicht getan: Dazu kommen die CNN News um 20 Uhr und das Abendprogramm – zum Beispiel „Mikroskopieren mit dem Biologiekurs“.
Noch immer habe ich kein EM-Spiel gesehen. Den spannendsten Teil von Spanien – Italien verbrachte ich im Bett, nach einer Kräftezehrenden Wanderung auf den steilen Pinkenkogel. Aus dem Fernsehraum im zweiten Stock drangen mitunter Jubel- oder Verzweiflungsschreie bis an unser Dachfenster – unter meinen Mitschülern sind einige mit italienischer Abstammung.
Heute Abend fand zum Glück kein Spiel statt, das man hätte verpassen können, und das war wohl einer der Gründe, warum es bei der heutigen Lesung so voll war. Außer den Brüsselern versammelten sich fast alle Mitschüler in einer Klasse, in die der Hamburger Schauspieler Christian Nickel geladen hatte. Er ist vor allem seit seiner Darstellung des Faust im Rahmen der Expo 2000 bundesweit bekannt. Damals wurde anderthalb Tage lang der komplette Faust aufgeführt, ungekürzt. Nickel sollte den „jungen Faust“ spielen, also etwa die halbe Rolle – musste aber die ganze übernehmen, als der „alte Faust“ Bruno Ganz sich verletzte. Für unseren Deutschkurs, dessen Thema einzig und allein „Faust“ lautet, war es also, als würde mein Kurs von Barack Obama besucht.
Nickel interpretierte einige Ausschnitte und gab uns eine Blitzführung durchs Werk. Was ich gelernt habe? Ob konventionelle oder moderne Inszenierung, das ist egal. Hauptsache, es gefällt. Nur mit Nacktheit sollte man aufpassen als Schauspieler – denn das geht meistens schief.
Evas EM-Tagebuch (1): Auf zum Semmering
Als Deutschland spielt, sitze ich in einem Flugzeug voller Österreicher. Vielleicht nicht der beste Ort, an dem man die Zeit verbringen kann, in der Deutschland ein Turnier spielt, aus dem es die Ösis kurz zuvor herausgekickt hat. Tatsächlich bin ich auf diesem Flug nach Wien aber nicht in der Diaspora, sondern es besteht ein relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen deutschen und österreichischen Passagieren. Von Letzteren sitzen allerdings zwei neben mir. Als der Pilot kurz nach dem Start das erste Tor verkündet, stöhnen sie und ich freue mich. “Oh noan”, sagen sie, “koammst aus Doatschland?”, und bleiben trotzdem nett, als ich bejahe. Sogar noch beim zweiten Tor. Aber erst als das Gegentor gefallen ist, erzählen sie mir, dass sie gerade zwei Tage in Köln verbracht haben – bei der Aufzeichnung einer Gameshow. Einer von ihnen hatte sogar Glück und hat über 500 Euro gewonnen.
Ich fliege nach Wien, um dort in die Ferien reinzufeiern – indem ich lerne. Neun Tage verbringe ich in Semmering, einem Luftkurort, nicht weit weg von der Hauptstadt. Zusammen mit 116 anderen Jugendlichen stocke ich die Einwohnerzahl des Dorfes auf 758 auf. Im Rahmen einer Schülerakademie finden hier acht verschiedene Kurse mit Bezug auf einzelne Schulfächer statt. Ich bin im Englischkurs und werde in den kommenden Tagen Fragen beantworten wie: Wie funktioniert das politische System der USA eigentlich genau (also, so ganz genau)? Wer sind die Präsidentschaftsbewerber genau? Mit welchen Kampagnen hetzen sie das Volk einander auf den Hals? Was bedeuten Obamas Hautfarbe, Clintons Geschlecht und McCains mangelndes Wirtschaftswissen für die Entwicklung des amerikanischen Volkes und der Welt? Und: Warum nur tragen so viele von den Jungs, die gute Noten schreiben, ihr T-Shirt in die Hose gesteckt?













Kommentiert
Amelie: So wahr, das brachte mich gerade zum lachen :)
Claudia: Wie bedeutungslos wären manche Menschen ohne Facebook… (:-/
Roman: Den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke dafür, liebe Eva.
Marc vm: Dann schiess mal los :)