Lieber Roman,
in den letzten Monaten freue ich mich stets noch ein bisschen mehr darauf, dass du am Wochenende kommst. Weil wir sonntags Tanzkurs haben. Ich weiß noch, wie ich vor einiger Zeit mal am Kino vorbeifuhr. Aus dem oberen Stockwerk, wo das Vereinsheim vom Tanzsportclub ist, drang Musik von Norah Jones auf die Straße. In den Fenstern sah man die Tanzpaare, sie drehten sich in mein Blickfeld hinein und wieder hinaus und das sah so schön aus und klang so romantisch. Seitdem wollte ich auch endlich tanzen lernen.
„Sobald es einen guten Kurs gibt, gibt es auch einen guten Grund“, hast du gesagt, und dann kam der gute Kurs und dann kam der Sonntag und dann kamen wir, in die Tanzschule, auf das Parkett, zum ersten Mal. Weißt du noch, wie wir die Tanzhaltung einnahmen, deine Hand auf meinem Schulterblatt und meine Hand ganz leicht in deiner? Eineinhalb Stunden lang haben wir gegrinst, die ganze Zeit, weil es so schön war, sich die ganze Zeit anzuschauen und dabei so elegant zur Musik zu bewegen.
Beim Tanzen, so viel habe ich inzwischen begriffen, kommt es auf das Zusammenspiel an. Wenn das Paar sich nicht als Paar begreift, wenn es nicht zusammenarbeitet, dann sieht Tanzen nicht nach Tanzen aus. Die Bewegungen des Einen müssen in die des Anderen übergehen, nahtlos, spurlos, und wenn das klappt, dann schwebt man nur so über das Parkett.
Freilich klappt das noch nicht immer. Aber dass wir uns immer wieder darüber streiten, wer denn nun zu große, zu kleine oder falsche Schritte gemacht hat – das zeigt doch nur, wie wichtig es uns beiden geworden ist. Und auch, wenn ich total genervt bin, weil du mal wieder aus dem Takt kommst – innerlich grinse ich doch so breit und glücklich wie beim ersten Mal.
Wenn wir die Tanzhaltung einnehmen, fühle ich mich so würdevoll wie niemals sonst. Das liegt daran, dass man die Arme hebt und hält. Ja, auch ich halte sie hoch, obwohl es dir vielleicht erscheint, als würde ich den linken Ellenbogen immer ganz frech auf deinem ablegen. Auch wenn Britta sagt, das solle man nicht tun: Ist es nicht irgendwie „alte Schule“, höflich, charmant, wenn du mir den Arm anbietest?
Ich finde, es gehört zu den Rollen, die man annimmt: Der Herr ist der Rahmen, die Dame das Bild. Manchmal würde ich auch zu gern der Rahmen sein, wenn wir schief tanzen oder zu langsam. Dann wieder bin ich sehr froh über meinen Part, denn ich darf so herrlich um dich herumwirbeln. Irgendwann, wenn du noch besser führst und ich noch besser gehorche, dann wird es am schönsten sein, weil man nicht mehr nachdenken muss, ganz intuitiv tanzt, und ich glaube, das ist wie ein Rausch.
Bis dahin werden wir noch viele Disko Fox-Runden unterschlagen müssen, denn Disko Fox ist nun wirklich der schrecklichste Tanz, auch, wenn er nur aufwärmen soll, und wir werden den Tango vermissen, den Britta erst mal nicht mehr weiterführen will – obwohl Tango doch der großartigste Tanz ist. Glaube ich. Aber wir müssen ja noch so viele lernen! Salsa, Merengue, und irgendwann unbedingt Charleston.
Wenn wir die dann alle können, und wenn wir es in den Rausch schaffen und schweben – dann kaufe ich mir vielleicht doch noch ein richtiges schönes Kleid für deinen Abschlussball.
Heute ist internationaler Tag des Tanzes.



Kommentiert
Amelie: So wahr, das brachte mich gerade zum lachen :)
Claudia: Wie bedeutungslos wären manche Menschen ohne Facebook… (:-/
Roman: Den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke dafür, liebe Eva.
Marc vm: Dann schiess mal los :)