Archiv für April, 2008

Mein Herz tanzt

Lieber Roman,

in den letzten Monaten freue ich mich stets noch ein bisschen mehr darauf, dass du am Wochenende kommst. Weil wir sonntags Tanzkurs haben. Ich weiß noch, wie ich vor einiger Zeit mal am Kino vorbeifuhr. Aus dem oberen Stockwerk, wo das Vereinsheim vom Tanzsportclub ist, drang Musik von Norah Jones auf die Straße. In den Fenstern sah man die Tanzpaare, sie drehten sich in mein Blickfeld hinein und wieder hinaus und das sah so schön aus und klang so romantisch. Seitdem wollte ich auch endlich tanzen lernen.

„Sobald es einen guten Kurs gibt, gibt es auch einen guten Grund“, hast du gesagt, und dann kam der gute Kurs und dann kam der Sonntag und dann kamen wir, in die Tanzschule, auf das Parkett, zum ersten Mal. Weißt du noch, wie wir die Tanzhaltung einnahmen, deine Hand auf meinem Schulterblatt und meine Hand ganz leicht in deiner? Eineinhalb Stunden lang haben wir gegrinst, die ganze Zeit, weil es so schön war, sich die ganze Zeit anzuschauen und dabei so elegant zur Musik zu bewegen.

Beim Tanzen, so viel habe ich inzwischen begriffen, kommt es auf das Zusammenspiel an. Wenn das Paar sich nicht als Paar begreift, wenn es nicht zusammenarbeitet, dann sieht Tanzen nicht nach Tanzen aus. Die Bewegungen des Einen müssen in die des Anderen übergehen, nahtlos, spurlos, und wenn das klappt, dann schwebt man nur so über das Parkett.

Freilich klappt das noch nicht immer. Aber dass wir uns immer wieder darüber streiten, wer denn nun zu große, zu kleine oder falsche Schritte gemacht hat – das zeigt doch nur, wie wichtig es uns beiden geworden ist. Und auch, wenn ich total genervt bin, weil du mal wieder aus dem Takt kommst – innerlich grinse ich doch so breit und glücklich wie beim ersten Mal.

Wenn wir die Tanzhaltung einnehmen, fühle ich mich so würdevoll wie niemals sonst. Das liegt daran, dass man die Arme hebt und hält. Ja, auch ich halte sie hoch, obwohl es dir vielleicht erscheint, als würde ich den linken Ellenbogen immer ganz frech auf deinem ablegen. Auch wenn Britta sagt, das solle man nicht tun: Ist es nicht irgendwie „alte Schule“, höflich, charmant, wenn du mir den Arm anbietest?

Ich finde, es gehört zu den Rollen, die man annimmt: Der Herr ist der Rahmen, die Dame das Bild. Manchmal würde ich auch zu gern der Rahmen sein, wenn wir schief tanzen oder zu langsam. Dann wieder bin ich sehr froh über meinen Part, denn ich darf so herrlich um dich herumwirbeln. Irgendwann, wenn du noch besser führst und ich noch besser gehorche, dann wird es am schönsten sein, weil man nicht mehr nachdenken muss, ganz intuitiv tanzt, und ich glaube, das ist wie ein Rausch.

Bis dahin werden wir noch viele Disko Fox-Runden unterschlagen müssen, denn Disko Fox ist nun wirklich der schrecklichste Tanz, auch, wenn er nur aufwärmen soll, und wir werden den Tango vermissen, den Britta erst mal nicht mehr weiterführen will – obwohl Tango doch der großartigste Tanz ist. Glaube ich. Aber wir müssen ja noch so viele lernen! Salsa, Merengue, und irgendwann unbedingt Charleston.

Wenn wir die dann alle können, und wenn wir es in den Rausch schaffen und schweben – dann kaufe ich mir vielleicht doch noch ein richtiges schönes Kleid für deinen Abschlussball.

Heute ist internationaler Tag des Tanzes.

Da sag nochmal einer…

Dominik: “Und dann habe ich am Wochenende gehört, dass ein ehemaliger Mitschüler von mir aus der Grundschule, gerade 18 Jahre, erstmal kirchlich geheiratet hat, seine 23jährige Freundin, und die hat auch schon ein Kind aus einer anderen Beziehung, und beide arbeitslos.”

Alex: “Da sag nochmal einer, die Jugend würde nichts aus sich machen.”

Die Band von nebenan

Die Band von nebenan

„Das Wichtigste auf der Welt ist Fischen.“

Wir lernen die Band am Flughafen kennen. Genauer gesagt ist es keine Band, sondern das Polizeiorchester von Alexandria, das für einen Auftritt in einem arabischen Kulturzentrum nach Israel gereist ist. Dieses Zentrum wird es jedoch vorerst nicht erreichen, weil der Jungspund der Truppe die Dame von der Auskunft so verzaubert, dass sie ihm die falsche Busverbindung nennt.

Kurz drauf landen die Männer in den himmelblauen Uniformen samt Köfferchen und Instrumenten in einem schrecklich trostlosen Ort. Einer Ansammlung von geklonten Plattenbauten, die die gleiche Farbe haben wie der Boden, auf dem sie stehen, und die Luft, in die sie hineinragen. Den ganzen Film über wird dieser Ort so trostlos bleiben, dass es traurig macht, dass man sich wünscht, es gäbe ihn nicht, damit niemand dort leben muss.

Aber es gibt ihn und es gibt auch Menschen, die dort leben – zumindest eine Handvoll. Drei von ihnen lernt das Orchester, das vom immerernsten Tewfik (Sasson Gabai) angeführt wird, sehr bald kennen: im Bistro von Dina (Ronit Elkabetz). Sie ist es auch, die die Herren für eine Nacht bei sich und Freunden unterbringt, ehe sie am nächsten Tag weiterfahren können in die richtige Stadt, eine Stadt, in der es überhaupt ein Kulturzentrum gibt.

Die folgende Nacht wird eine außergewöhnliche für Ägypter und Israelis. Der Film begleitet drei der Musiker, zum Abendessen in einer großen Familie, die eigentlich etwas zu feiern hätte, in eine Rollschuhdisko und in ein grelles Schnellrestaurant. So still, so ruhig, so langsam war es lange nicht im Kino – langweilig wird es trotzdem nie.

Kritisieren möchte ich an dieser Stelle nicht, weil wir den Film in der deutschen Synchronisation gesehen haben. Das war falsch. Die Schauspieler müssen unbeholfenes Englisch sprechen statt flüssigem, akzentfreien Deutsch, denn sonst nimmt man ihnen diese Völkerverständigungssache nicht ab. Was man aber sicher aus beiden Versionen lernen kann: Arabisch ist eine sehr schöne Sprache.

Mund zu, Ohren gespitzt

Muxmäuschenstill.

Aus der Narkose aufwachen

Zuerst mal ist da natürlich gar nichts. Nachher werden sie erzählen, man habe mit den Armen um sich geschlagen und dabei die Watte aus dem Mund gerissen. Nicht mitbekommen.

Dann macht es plötzlich leise Klack und von hinten branden die Geräusche auf. Augen auf, zu. Jetzt ist man voll da – im Kopf. Hallo, ruft der Kopf, wo bin ich, ach ja. Hier.

Umdrehen? Nee, jetzt noch nicht, nicht so groß bewegen, vielleicht mal was sagen. Aber das geht gar nicht. Ah! Reden geht nicht. Bewegen geht nicht. Was soll das denn? Diese Augenblicke sind wie Gefangensein im eigenen Körper. Lähmung. Schmetterling und Taucherglocke. Da macht man lieber nochmal die Augen zu.

Ein paar Minuten später, ein neuer Versuch. Jetzt geht summen und murren, aber ohne Gefühl. Unterhalb der Nase kein Gefühl, nur die Zunge fühlt sich so dick an, als wäre sonst kein Platz mehr im Mund. Schrecklich dick.

Aus der Narkose aufwachen ist schrecklich anstrengend. Es ist wie gegen den Strom schwimmen oder unbewegt stehen bleiben im Sturm oder den Mund nicht aufmachen im Solebad. Ohne jedes Zeitgefühl habe ich nicht mitbekommen, wie lange es gedauert hat. Ich weiß nur, als wir gingen, machten sie Feierabend.