Archiv für März, 2008

Talk to Me

Talk to Me

“Ich bin ein ehemaliger Alkoholiker und jetzt seit fünf -
Stunden trocken.”

Ein guter 60er-Jahre-Film braucht vor allem zwei Dinge: einen perfekten Soundtrack, der bei all der guten Musik dieses Jahrzehnts nicht schwer zu finden sein sollte, und wunderbare Kostüme. Beide Herausforderungen meistert „Talk to Me“ mit Bravour. Der Soundtrack ist so großartig, dass man gleich beim ersten Song aufspringen und tanzen will, statt im dunklen Kino zu sitzen. Und wenn man die Kostüme sieht – möchte man eigentlich auch gleich aufspringen und nach dem Kleiderschrank suchen, aus dem Don Cheadle sich bedient hat.

Er spielt die schwarze Radiolegende Petey Greene, dem in den 60ern ganz Washington regelmäßig lauschte. Der Film stellt ihn als Häftling vor („Ich bevorzuge Delinquent“), der sich mit einer frechen Aktion aus dem Knast handelt, um DJ zu werden. Tatsächlich kann er den eigentlich recht spießigen Dewey Hughes (Chiwetel Ejiofor, den man aus „Tatsächlich Liebe“ kennt und in „Kinky Boots“ gesehen haben sollte) von sich überzeugen und bekommt bald eine eigene morgendliche Talkshow.

Abgesehen von seinem weiß-weißen Chef (Martin Sheen!) sind alle begeistert von dem Mann, der seine Sprache von der Straße mitgebracht hat und stets sagt, was er denkt. Auch der Zuschauer ist schnell angetan von diesem dreisten Typen, der noch dazu eine unerhört lustige Freundin hat. Kaum ist die Sympathiegrenze überschritten, bekommt der Film eine ganz neue Ebene: Der Tod von Martin Luther King versetzte 1968 ganz Washington in Aufruhr. Petey Greene gelang es nachts um zwei eindrucksvoll, die Rebellion in den Straßen zu stoppen. Alle Emotionen und den Schwarz-Weiß-Konflikt vermittelt diese Sequenz sehr glaubwürdig.

Im letzten Teil stiehlt Chiwetel Ejifor als zielstrebiger Manager dem eigentlichen Hauptdarsteller Don Cheadle mitunter die Show. Aber das passt auch ganz gut, fühlt sich Petey Greene doch längst vom Erfolg überrannt. Seinen früheren Traum, ganz Washington in „Petown“ zu verwandeln, hat er längst aufgegeben und landet schließlich wieder in der alten Billard-Spielunke, in der alles angefangen hat.

Alles in allem ein gut produzierter, lustiger und vor allem hübscher Film, den man sich dennoch lieber zuhause auf DVD anschauen sollte – da kann man dann nämlich einfach mittendrin aufspringen und mittanzen.

Lina allein zu Haus

Normalerweise ziehen Kinder von daheim aus und lassen die Eltern allein zurück. Bei Lina war es umgekehrt

Vor zwei Jahren ist Linas Familie ausgezogen. Der Vater war schon länger weg, seit zwölf Jahren, aber 2006 – Lina war gerade 16 Jahre – ging auch ihre Mutter. Nicht, weil Lina so ein schreckliches Kind wäre, sondern weil die Mutter, Ingenieurin für Umweltschutztechnik, in der direkten Umgebung einfach keinen Job fand. So zog sie in einen Ort nahe Bremen und ließ Lina, die zu der Zeit gerade die elfte Klasse besuchte, in der 250 Kilometer entfernten Wohnung in Borken zurück.
In Gesellschaft einer Katze.

„Ich wollte es genau so“, erinnert sich Lina heute. „Die Vorstellung umzuziehen, alle meine Freunde zu verlieren und nicht nur mich, sondern auch mein Pferd an eine neue Umgebung zu gewöhnen, war schrecklich.“ Es war in der Situation die beste Lösung, Lina ist sich da sicher. Und trotzdem kann sie die Begeisterung ihrer Freunde nicht verstehen. „Die sagten alle: ,Mensch, toll, die ganze Wohnung für dich allein – mit 16!’, aber ich habe schnell gemerkt, dass das gar nicht so toll ist.“

Auf einmal hatte Lina jede Menge zu tun. Neben Schule und Reitstall wartete ein ganzer Haushalt darauf, in Ordnung gehalten zu werden. „Meine erste Erkenntnis war: Klopapierrollen wechseln sich nicht von allein.“

Am Anfang stand der große Masterplan, den sie mit ihrer Mutter Petra, 51, ausgearbeitet hatte. Er beinhaltete unter anderem eine Diensteliste, die am Kühlschrank hing und sehr lang war: Putzen, Wäsche waschen, Blumen gießen. Weiterlesen →

Juno

Juno

“Hast du vielleicht zufällig in meine Urne gekotzt?”

An „Juno“ habe ich gezweifelt. Werbung und Kritiken klangen immer ein bisschen danach, als nähme der Film das Thema schwangere Minderjährige zu leicht, und überhaupt gibt es doch schon genug Schwangerschaftsfilme, dachte ich: Sie hatten ihren Höhepunkt mitten in den Neunzigern, mit Hugh Grant und „Neun Monate“, und ihren Tiefpunkt vor wenigen Monaten mit Katherine Heigl und „Beim ersten Mal“. Aber jetzt kommt „Juno“ und schießt das Genre zurück in die Höhe, zu Hugh.

Zugegeben, irgendwie läuft doch schon alles recht rosig: Juno (Ellen Page) wird schwanger, und nicht nur sie selbst, sondern auch Vater und Stiefmutter bleiben cool. Supercool. Sie haben auch überhaupt keine Einwände, als Juno ihnen eröffnet, dass sie sich bereits für eine Adoption entschieden und sogar schon die passenden Eltern gefunden hat. Letztere werden dargestellt von Jason Bateman und Jennifer Garner – die entweder wirklich gut spielt oder einfach genauso ist, wie sie ist. Und auch hier ist alles rosig: Die beiden sind stets wunderbar herausgeputzt, freuen sich wie verrückt auf das Baby und täten alles für Juno, egal was sie verlangte (sie verlangt allerdings überhaupt nichts). Erst auf den zweiten Blick erkennt der Zuschauer, dass die beiden eigentlich so gar nicht zueinander passen.

Aber überhaupt Juno: Wie alle Figuren in diesem Film ist sie grundsätzlich sympathisch – hat aber durchaus auch Seiten, die einen zögern lassen. Da wären zum Beispiel die markigen Sprüche und die absolute Kälte gegenüber ihrer „heiligen Füllung“. Doch gerade das macht die Authentizität des Filmes aus, hat doch auch jeder dreidimensionale Mensch seine guten und schlechten Seiten. Und so ist Juno dennoch die Heldin des Films, die sich von niemandem reinreden lässt und letzten Endes einfach tut, was sie will.

Natürlich gibt es auch einen Vater zu der „mickrigen Kaulquappe“ in ihrem Bauch. Er heißt Bleeker, wird gespielt von Michael Cera und wäre in jedem anderen Film zur lächerlichen Nebenfigur verkommen, hier wird er jedoch völlig ernst genommen. Fast immer im merkwürdigen Sportoutfit (mit Stirnband!) und völlig verunsichert, ist Juno doch schrecklich in ihn verliebt. Sie erkennt das zum Ende des Films hin, der Zuschauer wird es wohl nie verstehen, und doch freut man sich mit den beiden, wenn sie ihm einen ganzen Briefkasten voller roter Tic Tacs schenkt.

Der Film hat sicher auch Knackpunkte – so könnte Junos Beziehung zum künftigen Adoptivvater an manchen Stellen falsch verstanden werden – und lässt die ein oder andere Frage offen. Was sagt zum Beispiel Junos leibliche Mutter zu ihrer Schwangerschaft? Auch die Reaktionen ihrer Mitschüler und des restlichen Umfelds werden nur angerissen. Aber das hätte die Geschichte wohl auch in die falsche Richtung bewegt, hin zu dem Problemfilm, den Jason Reitman ganz bestimmt nicht produzieren wollte.

Der Regisseur von „Thank You for Smoking“ hat aus seinem Debüt nicht nur ein Gespür für das leichte Verpacken schwerer Stoffe, sondern auch J.K. Simons übernommen, der Junos liebenswürdigen Vater spielt. Zusätzlich hervorzuheben sind dessen Frau (Allison Janney), die sich rasch als eigentlich ziemlich coole Stiefmutter entpuppt, und Junos freche Freundin Leah, dargestellt von Olivia Thirlby, die beim Zuschauen einfach unglaublich Spaß macht.

Neben der detailverliebten Ausstattung und den grandiosen Dialogen (Oscar für Drehbuchautorin Diablo Cody!) wird der Film durch einen sehr schönen Soundtrack abgerundet. Hierzu steuerte nicht nur Kimya Dawson, die bessere Hälfte der durch Adam Green bekannt gewordenen Moldy Peaches, fünf Lieder bei, sondern auch altehrwürdige Bands wie die Kinks, Velvet Underground und Sonic Youth.

„Juno“ ist ein toller Film, den Eltern ihre Kinder ruhigen Gewissens anschauen lassen können, denn am Ende hat man trotz des großen Vergnügens doch keine Lust, schwanger zu werden.

Ponyreiten

Auf jetzt.de diskutiert man gerade die Vor- und Nachteile eines Ponys. Also, ohne Sattel und Möhre, der, der nur aus Haaren besteht. Als – im Verhältnis zu Heidi Klum – altes Ponymädchen mische ich mich hiermit ein und sage: Super, so ein Pony. Es fällt nur schwer, sich dazu zu überwinden.

Es gibt diese Mädchen, denen steht jede Frisur, und das wissen sie auch irgendwann und dann haben sie nie mehr Angst vorm Friseur. (Effi Briest war bestimmt so eins.) Es ist unnütz, sie zu beneiden, vielmehr sollte man fragen: Und, wie wars? In Bezug auf Ponys sagen sie dann nämlich tolle Sachen mit einem glücklichen Glanz in den Augen und ermutigen so die Fragende selbst, sich doch auch endlich zu trauen.

Denjenigen, die sich für einen Pony entscheiden, werden schon bald folgende Vorteile auffallen:

1) Die Haare offen zu lassen, ist jetzt überhaupt nicht mehr schlimm. Man hat eine Frisur! Und kann sogar sehen, ohne dass einem lange Strähnen in die Sicht fallen.

2) Pony-Nachschneiden ist meistens umsonst und schon im Abstand von zwei, drei Wochen wieder nötig. So kann man alle 14 Tage mit dem tollen „frisch herausgeputzt“-Gefühl durch die Welt laufen und sich sehr apart fühlen, wie Effi sagen würde.

3) Abstehende Ohren kaschiert er auch ganz gut, der Pony. Finde ich.

Natürlich sollen auch die Nachteile nicht unerwähnt bleiben, die jedoch im Gewicht verhältnismäßig gering ausfallen: Wer einen Haarwirbel in Stirnnähe hat, sollte seine Entscheidung überdenken. Wer morgens aus dem Bett steigt, sollte zuerst einen Blick in den Spiegel werfen („Haare zu Berge steh“-Gefahr!). Und man sollte darum bemüht sein, sich ein Wackeldackelartiges Kopfschütteln anzugewöhnen, bloß, damit die Haare wieder schön gleichmäßig über die Brauen fallen. Lieber die Hand nehmen, das sieht nicht so merkwürdig aus..

Natürlich ist der Pony nur ein weiterer harmloser Trend, und natürlich gibt es eine Unmenge anderer in Erwägung zu ziehender Frisuren. Aber, wie man bei Briests sagen würde, das ist ein zu weites Feld.

Assignment #54: Draw the news.

Assignment #54: Draw the news.