Archiv für Dezember, 2007

Der Profi

Florian Linke, 18, hat die Schule geschmissen, um Regisseur zu werden. Jetzt dreht er seinen ersten Spielfilm – ohne Ausbildung, ohne Hilfe von Lehrern und Professoren, dafür mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen. Hat die Filmhochschule ausgedient?

Es ist spät, bitterkalt, und Florian Linke hat ein Problem: “Da stehen zu viele Leute!”, sagt sein Kameramann, “so können wir das unmöglich drehen.” Der 18jährige Jungregisseur steckt mitten in den Dreharbeiten zu seinem ersten großen Film, und den will er sich nicht von ein paar Passanten verderben lassen, die genau jetzt genau da stehen müssen, wo sein Hauptdarsteller gerade einen Ladendiebstahl beobachten soll.

Also werden die neugierigen Menschen vor dem Einkaufszentrumin Florians Heimatstadt Borken noch einmal höflich gebeten, sich doch kurz woanders hinzustellen. Zum unendlichsten Mal muss Schauspieler Stephan Gabriel langsam in Richtung Eingang laufen, stehen bleiben und aus dem Augenwinkel beobachten, wie zwei Mädchen heimlich einen Rock einstecken. Dann sagt Florian eher genervt als begeistert: “Ist gekauft, lassen wir’s.”

Es ist der fünfte von insgesamt 34 seit Monaten geplanten Drehtagen. Vor einem Jahr schmiss er die Schule, weil sie ihm für ein anderes Filmprojekt nicht freigeben wollte. Jetzt ist er Filmemacher – hauptberuflich. Für sein Projekt “Ausgeträumt”, das von einem Jungen aus gutem Hause handelt, der auf die schiefe Bahn gerät, hat er das Drehbuch geschrieben und eine Crew zusammengestellt, er hat Equipment besorgt und Schauspieler gecastet, unter anderem die amtierende Miss Germany und den “Sechserpack”-Darsteller Hanno Friedrich. Um die Finanzierung musste er sich natürlich auch kümmern, worüber er allerdings nicht so gerne spricht. “Ich arbeite hier für drei” ist ein Satz, den er gerne sagt, wenn wieder irgendwer mit einem Problem zu ihm kommt.

Wie aber schafft es ein 18jähriger ohne Schulabschluss und Hochschulausbildung, Regisseur eines Spielfilms zu werden? “Laufende Bilder herzustellen ist in den letzten Jahren etwas geworden, was nahezu jeder kann”, sagt Gundolf Freyermuth, Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der Internationalen Filmschule Köln. Die Fähigkeit, “audiovisuelle Kultur zu gestalten” könne jedoch nicht allein durch Selbststudium und Abschauen bei anderen erlangt werden. “Filmhochschulen sind der Ort, an dem der talentierte Nachwuchs vom Hobbyisten zum Profi wird.”

So ähnlich sieht das auch Stephanie Albrecht. Die 18-Jährige ist Mitglied in Florians Crew und studiert an der privaten Lazi-Akademie in Stuttgart. “Da bin ich hingegangen, weil ich Filmmachen nun mal von Grund auf lernen möchte, ich möchte nicht nur die Hälfte können – dann will einen ja nachher keiner.” An der Akademie lernt sie alles, von Kamera über Schnitt bis hin zur Regie – allerdings kostet dort ein Semester 3.000 Euro. “So kann ich später immer das machen, was gerade gebraucht wird.”

Das tut sie auch am Set von “Ausgeträumt”: Gerade noch hat sie an einem der großen Scheinwerfer eine Folie angebracht, im nächsten Moment schiebt sie schon den Kamerawagen über die extra ausgelegten Schienen.

“Es hilft sehr, in dem geschützten Bereich Filmhochschule erste Erfahrungen zu sammeln”, sagt Andreas Gruber, Professor für Regie und Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. “Hier kann ausprobiert werden, es können Fehler gemacht werden, es gibt keinen Erfolgsdruck.” Er betont jedoch, dass dieser Ausbildungsweg nicht für jeden der richtige sein muss. “Manch einer braucht mehr Freiräume, andere Strukturen.”

Vielen jungen Leuten, die in die Filmbranche streben, fehlt hingegen einfach das Abitur, welches an fast allen deutschen Filmhochschulen Voraussetzung zur Aufnahme ist. “Vielleicht wird das als Zeichen für Lernbereitschaft und ein gewisses Durchhaltevermögen gesehen”, sagt Schulabbrecher Linke. Er beobachte aber, dass manche Studenten der privaten Schulen, die kein Abitur fordern, von staatlichen Filmschulen regelrecht abgeworben würden – “weil sie für ihren speziellen Bereich ein großes Talent haben.” In der Presseabteilung der Münchner Hochschule hat man davon allerdings noch nie gehört.

Talent hat Florian. Er verfüge zudem über so gute Grundkenntnisse, sagt er, dass er sich die ersten beiden Semester an der Filmhochschule eigentlich sparen könnte. “Wer mit praktischer Erfahrung zu uns kommt, ist besonders im Vorteil”, erklärt Gruber. Doch ob er nun wirklich irgendwann einmal an einer Filmhochschule landet, weiß Florian noch nicht: “Ich bin jung, ich drehe gerade meinen ersten großen Film – wer weiß, was als nächstes kommt? Ich werde einfach immer weitermachen.”

Spiegel Online, 29. Dezember 2007

Neues von der Pflasterfront

Morgen ist es schon wieder so weit, morgen ist Dienstag, Pflastertag. Ich kann nicht sagen, wie viele Dienstagnachmittage ich inzwischen bei Doktor König verbracht habe und bei seinem Kollegen, mit dem er sich die Praxis teilt. Ich kann es auch nicht abzählen, an meinem Türrahmen, wo ich alle Pflaster gewissenhaft aufkleb – weil Doktor König mir nie ein Pflaster auf die Einstichstellen klebt. Er ist im Recht damit, denn eigentlich sind die Pflaster gar nicht nötig. Ist ja nur ein kleiner Pieks. (Das heißt, er wird immer größer, und vor allem immer länger, weil man immer mehr von dem Zeugs in mich reinschiebt. Anfangs machte es: Ssst. Jetzt macht es: Ssssssssssst.) Trotzdem bin ich dienstags viel lieber bei seinem Kollegen als bei Doktor König selbst. Von seinem Kollegen bekomme ich immer Pflaster, auf jeden Arm eins, und das tolle an diesen Pflastern ist, dass es ganz besondere Pflaster sind, extra für geschundene Desensibilisierungskinder. Sie tun nämlich gar nicht weh, wenn man sie abmacht. Kein bisschen! Also gibt es eine unvollständige Pflasterzeitleiste in meinem Türrahmen. Wenn sie etwas beeindruckender aussieht, werde ich das an dieser Stelle präsentieren.

Was machen unterdessen die Allergien? Nicht viel. Ich reagiere immer noch auf Tomaten und alles, was mit ihnen zu tun hat. Und auf Hausstaubmilben bestimmt auch, zumindest ist das Niesen nicht zurückgegangen. Ich niese immer noch drei bis vier Mal am Stück. Wenn man es genau nimmt, ist sogar noch eine Allergie dazugekommen. Ich bin jetzt allergisch gegen das Wort Dienstag. Immer, wenn es irgendwo um Dienstage geht, kratze ich mich automatisch am rechten unteren Oberarm. Seit einigen Wochen habe ich nämlich immer von dienstags nach der Spritze bis irgendwann donnerstags (neben Knubbeln, mit denen es sich so verhält wie mit blauen Flecken,) einen schönen konstanten Juckreiz an diesem Arm. Aber das ist normal, sagen Doktor König und sein Kollege. Also, dass man erst mal juckt. Nicht, dass man auf „die Vokabeln lernt ihr bitte zu Dienstag, und zwar alle!“ reagiert.

Man kann sich bestimmt vorstellen, wie stark mein linker Arm gerade juckt, weil ich das alles hier niederschreiben muss, und wie schwierig es daher ist, einhändig zu tippen. Deshalb unterbreche ich an dieser Stelle die Feldpost. Bis bald also – der Kampf geht weiter – ihr bleibt auf dem Laufenden!

Gerade habe ich eine Matheklausur so richtig vermiest.

(Die Überschrift fragt: Sollte ich hier eigentlich mehr persönliches schreiben? Ich bin auf Konzeptsuche.)

Hier melde ich mich kurz, damit ihr einen sehr schönen Netzadventskalender nicht verpasst: Generation 80 berichtet diesen Dezember aus Paris und Berlin. Eine besinnliche Adventszeit wünsche ich!