Archiv für September, 2007

Roma pot-pourri

“Impulsive Menschen kennen keine Grenzen
Schmeiß die Möbel aus dem Fenster
wir brauchen Platz zum Dancen
Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah
Krawall und Remmidemmi”
Deichkind

Diese Reise hatte alles, was eine gute Klassenfahrt braucht: Super Wetter, eine brodelnde Gerüchteküche und kleine Skandale, angeschwipste Lehrer, abendliche Partys in Diskos oder auf der Veranda. Und wir haben auch noch was gelernt!

Am ersten Tag erkundeten wir in einer herrlichen Gruppe das centro storico, ohne zu wissen, dass es sich dabei um DAS römische In-Viertel handelt. In den geheimnisvollen Seitengassen, in denen an von Haus zu Haus gespannten Leinen Fotos junger Künstler hängen oder offene Werkstatthintertüren einen verstohlenen Blick erlauben, finden sich zahlreiche kultige Secondhand-Shops. Da macht das Stöbern Spaß, das Kaufen allerdings weniger – es ist ziemlich teuer.

Als wir so alle im Kolosseum standen, konnte ich mir sehr lebhaft vorstellen, wie tausende Menschen von den Rängen aus jubelten, wenn Menschen mit Menschen – oder Tieren – auf Leben und Tod kämpften. Auf dem Forum Romanum verteilte unsere Führerin „die allerbeste Mückenstichsalbe“.

Ganz andere Pizza. Wirklich gute Pizza.

So viele, auch wichtige, ewig alte Schätze liegen noch unter der Erde – für die Ausgrabungen fehlt das Geld. Schon jetzt müssen auf den vielen Ausgrabungsstätten, die doch überall in der Stadt zu sehen sind, römische Studenten umsonst arbeiten. Man bekam das Gefühl, die Römer sind überfordert mit dieser Flut historischer Kostbarkeiten.

Eine Audienz beim Papst, mit 15 000 Leuten. Wir sind so laut, dass wir mehrmals auf den großen Leinwänden eingeblendet werden.

Einige Male werden wir fotografiert und gefragt, wo man unsere tollen Poloshirts kaufen könne. Nach langer Diskussion hatten wir uns für braune Hemden entschieden, auf denen hinten eine Zeichnung zu sehen ist, die den Papst E-Bass spielend zeigt.

Tag und Nacht

Diese Abende, an denen wir in kleinen Grüppchen mit Getränken, Süßigkeiten und zweitklassigen Zeitschriften auf den Verandas vor unseren Appartements saßen und die neuesten Gerüchte diskutierten.

Wir haben so viele Kirchen gesehen. Am enttäuschendsten war die Sixtinische Kapelle, weil es eine Stunde dauerte, bis man sie durch die verschiedenen Ausstellungsräume der Vatikanischen Museen erreicht hatte (und wir sind gejoggt!). Außerdem ist das berühmte Bild von Michelangelo nur so groß wie mein Schreibtisch. Besonders beeindruckend fand ich das Pantheon in seiner perfekten Rundheit und mit der ins Dach integrierten Sonnenuhr.

Die Souvenirjagd im wunderschönen Castel Gandolfo, dem Sommersitz des Papstes.

Ich mag die Bäume, die plötzlich und in Gruppen mitten in der Stadt auftauchen. Ansonsten ist es in und um Rom nämlich sehr, sehr trocken, aber diese Pflanzen bestechen durch ihr strahlendes Grün. Ihre knochigen Stämme und breiten, flachen Kronen erinnern an Savannenbäume.

Das Außenstudio von MTV, in dem die Jugendlichen Tokio Hotels „Durch den Monsun“ auf italienisch mitsingen.

Im Tageslicht sieht es hier so unspektakulär aus

An einem Abend kommen wir zu spät zum vereinbarten Treffen an der Spanischen Treppe. Die „Humba“, die die Stufe da gerade anstimmt, hören wir deshalb schon am anderen Ende der Straße.

Es hat so viel Poesie und Euphorie und Glück, als Linda, Anna und Meike einfach in voller Montur ins Meer stürmen, sich von den Wellen hin und her werfen lassen und vor Freude schreien. Auch noch, als Meike den klatschnassen 20-Euro-Schein in ihrer Hosentasche findet.

Hat Steffi eigentlich noch versucht, ob sie wirklich bleibt, wo sie ist, wenn sie in den überfüllten U-Bahnen einfach mal die Knie zur Brust hochzieht?

Mit Jonas in der Hängematte liegen, mitten in der Nacht, und trotz der lauten Hip Hop-Musik gemeinsam philosophieren über Gemein- und Freundschaft.

Mit geschlossenen Augen zu singen ist sehr ehrlich

I just want back in Your Head!

Ein wunderbares Indie-Rock-Konzert fand am Samstag, dem 25. August, im Kölner Stadtgarten statt. Das sahen mehrere hundert Fans der kanadischen Band Tegan and Sara voraus, die so eifrig Karten kauften, dass die Veranstaltung wenige Wochen vorher sogar in größere Räumlichkeiten verlegt werden musste. Und sicher ist: Damit hat man nichts falsch gemacht.

Tegan and Sara, das sind eineiige (!) Zwillingsschwestern aus Kanada, 1980 geboren, die sich als Kinder nach eigener Aussage überhaupt nicht verstanden. Erst als sie später in ganz unterschiedliche Teile ihres Heimatlandes zogen, wandelte sich ihre Beziehung. Jetzt sind die zwei eine Band, die mit vielen Gitarren und stets zweistimmig bald ihre fünfte Platte präsentiert.

Erste Stücke aus „The Con“ gab es im Stadtgarten bereits zu hören. „Obwohl es hier noch nicht erschienen ist“, vermutete Tegan, „werdet ihr wohl schon einige Lieder kennen. Unsere Plattenfirma möchte davon nichts wissen, aber WIR wissen sehr wohl, dass es dieses magische Ding namens Internet gibt.“ Und tatsächlich: Schon bei den ersten Takten ihrer neuen Single beginnt das Publikum zu jubeln.

Die beiden jungen Frauen, die mit ihren schrägen Frisuren und tätowierten Armen so wild scheinen, stellen sich schnell als sehr charmant heraus. Gern erzählen sie zwischendurch lustige Geschichten – und auch mal weniger lustige. So beschreibt Sara, wie depressiv sie war, als sie den Song „Monday Monday Monday“ schrieb. Davon ist an diesem Abend aber rein gar nichts mehr zu spüren. Mit drei Männern an Bass, Gitarre und Schlagzeug im Rücken amüsieren die zwei ihr Publikum mit Liedern über komplizierte Beziehungen, mit ihrem herrlich feinen Humor und tollen Stimmen.

Tegan and Sara mögen Deutschland, weil hier „jeder so guckt, als würde er dich verstehen, auch, wenn er es gar nicht tut“, und obwohl alles so teuer ist. Deshalb kommen sie wieder: Im Februar schon. Und wer das sehen will, sollte es im Kalender festhalten und rechtzeitig Karten kaufen – sonst ist bestimmt wieder ganz schnell ausverkauft.

Borkener Zeitung

ACHTung! Ast!

Schon vor Wochen wurde ich mehrmals dazu aufgefordert, acht Fakten über mich selbst aufzulisten, unter anderem hier und hier. Nun krame ich die damals ganz spontan entstandene Liste (so etwas muss man spontan machen, es geht gar nicht anders) wieder hervor und nutze sie ganz schamlos aus, um zu erklären, warum ich so lang weg war. Tschuldigung!

1. Ich hatte kein WORD!! Kann jemand sich Eva ohne WORD vorstellen? Ich nicht. Bin entsprechend depressiv/aggressiv/mürrisch durch die Welt marschiert in den vergangenen Wochen und habe mich in andere Projekte vertieft. Das Problem ist: (1a:) In meinem Leben gibt es kaum Projekte, die nichts mit Schreiben zu tun haben. Und das war der andere Grund dafür, dass das Bloggen zu kurz kam in letzter Zeit. Eine neue Kolumne ist in Arbeit, ein paar Texte für verschiedene Wettbewerbe und Aktionen, großartige Stellungnahmen für den Deutsch LK… Letztere könnte ich hier präsentieren, aber ich finde es eigentlich blöd, dieses Blog als Zweitverwertungsstelle für meine Hausaufgaben zu benutzen. Jetzt wisst ihr warum Eva (1b:) manchmal wenig Zeit hat oder zumindest, warum sie manchmal nichts von sich hören lässt.

2. “Schokotoffees sind die neuen Riesen” und “Latzhosen, ein Trend, der noch kommen wird” – alles Sätze von mir!

3. Ich gehe nie auf diese Parties.

4. Nach den meisten Tatort-Filmen (und allem, was vergleichbar – oder schlimmer – ist), muss ich überall das Licht anmachen und habe vor dem Einschlafen Angst, dass ein Geheimagent unter meinem Bett liegt, der mir im nächsten Moment durch den Rücken schießt. Deswegen mag ich auch Heist-Movies so, also Filme wie die “Oceans”-Reihe, die aus der Sicht der Verbrecher gezeigt werden.

5. An meinem linken Bein, besonders am Unterschenkel, habe ich eine beträchtliche Anzahl Feuermale, die geformt sind wie Kuhflecken. Rote Kuhflecken. Wenn man lange draufdrückt, verschwinden sie für ein paar Sekunden.

6. Ich frühstücke eigentlich nur Zuhause so richtig.

7. Ich mache im Unterricht völlig unbewusst ziemlich anrüchige Bemerkungen. Zum Beispiel frage ich, warum es keine weibliche Variante von Charmeur gibt und spreche dann natürlich auch gleich aus, wie die heißen müsste. Eigentlich ein schönes Wort.

8. Ich war auch noch in Rom! (8a:) Von Großstädten bekomme ich nicht genug.

Übrigens finde ich Kathis Vorschlag sehr gut, wir sollten so etwas mal starten, oder? Wer mitmachen will, meldet sich hier in den Kommentaren, und dann schauen wir weiter.

Hallam Foe

Hallam Foe

“You watched for hours
from slates and clock-towers
the lifes you loathe.
But your life is others,
and lovers and mothers.”
Franz Ferdinand – “Hallam Foe Dandelion Blow”

Wenn wir nicht im Jahr 2007, sondern 1970 lebten, dann hätte Jamie Bell den Harold aus „Harold and Maude“ gespielt. Aber da hat Mister Bell noch gar nicht gelebt, und wahrscheinlich gibt es aus eben diesem Grund jetzt den Film „Hallam Foe“, dessen dummen (und absolut unnötigen!) Untertitel ich einfach mal unterschlage. Hallam und Harold hätten sich wahrscheinlich – nein, sie hätten sich nicht gut verstanden, denn sie sind beide nicht der Typ für gleichaltrige Freunde. Dennoch ähneln sie sich in manchem Punkt: Beide sind völlig eigenbrötlerisch und haben einzigartige Macken, sie verlieben sich in weit ältere Frauen und haben Eltern, die sie überhaupt nicht verstehen. Im Falle von Hallam ist es eigentlich nur ein Elternteil, da die Mutter vor nicht allzu langer Zeit auf mysteriöse Weise verstorben ist. Als Ersatz hat sich sein Vater, der einem schottischen Adelsgeschlecht entstammt (und entsprechend wohnt) eine Frau gesucht, die von Hallam verdächtigt wird, seine Mutter ermordet zu haben. Kein Wunder, dass es Hallam nicht in dem riesigen Schloss hält, in dem das, was von seiner Familie übrig ist, wohnt. Er lebt hauptsächlich in einem Baumhaus, von dem aus er fremde Menschen beobachtet. Bei allem, was sie tun.

Irgendwann wird es der bösen Stiefmutter zu viel, sie wirft ihn aus dem Haus. Hallam verschlägt es nach Edinburgh, wo er auf eine Frau stößt, die seiner Mutter außerordentlich ähnlich sieht. Getreu seinem Hobby beobachtet er sie Tag und Nacht, auch noch, nachdem er als Küchenjunge in dem Hotel angeheuert hat, in dem sie arbeitet. Um keinen Augenblick von Kates Privatleben zu verpassen, steigt er ihr buchstäblich aufs Dach und nistet sich in einem Uhrturm ein, der ihrer Wohnung gegenüber liegt.

Ach, ich muss nicht weitererzählen, um deutlich zu machen, wie verschroben diese Geschichte und ihr Hauptdarsteller sind. Aber wir mögen doch verschrobene Geschichten! Wenn sie noch dazu vor der schönen Kulisse von Edinburgh (aus der Vogelperspektive) spielen und mit so einem hübschen Indie-Rock-Soundtrack unterlegt sind, hält zumindest mich auch nicht die schlimmste Kritik davon ab, ins Kino zu gehen.

Das habe ich dann auch nicht bereut. Bemängelt wird von den Feuilletons vor allem Hallams undurchsichtige Psyche, aber eigentlich macht gerade die Spaß, weil man so nie weiß, was als nächstes kommt – ob man zum Beispiel unbändig lachen muss, oder ob einem das Lachen gar im Hals stecken bleibt. Zum Beispiel bei manch einer grausligen Sexszene… Umgekehrt schafft es der Film, dass das Publikum mit Wohlwollen der krassen Liebe zwischen Hallam und Kate (Sophia Myles) gegenübersteht. Dann muss ich aus der Menge der tollen Darsteller unbedingt noch Ewen Bremner hervorheben, den manch einer vielleicht als den dümmlichen Inspektor aus „Match Point“ kennt, und der hier einen ebenso dümmlichen, erneut dennoch liebenswerten Hotelportier spielt.

Herrlich, dieser Film hat alles, er ist gruselig und gemütlich zugleich, er ist inkorrekt und doch wieder völlig korrekt, er ist Liebesdrama und Thriller, er ist kreativ und schnell und abgehoben. Wenn Harold ihn gesehen hätte – wahrscheinlich hätte er ihn dann doch mal kennen lernen wollen, diesen Hallam Foe.