Archiv für Juni, 2007

Postbotin für einen Tag

Ich liebe Post – und Postbotin wollte ich nun wirklich immer schon mal sein. Nur ein Mal, zum Ausprobieren! Ich stellte mir das sehr romantisch vor. Den Menschen ihre Briefe bringen, mit dem ein oder anderen ein kurzes Gespräch haben, und das bei Wind und Wetter. Mit dem Rad natürlich – hält nebenbei noch super fit!

Wie praktisch, dass meine Freundin Steffi während der ersten Ferienwochen als Aushilfe für einen Kurierdienst arbeitet. Jetzt, wo sich das Postmonopol allmählich in Luft auflöst, kommt so etwas sogar in unseren abgelegenen Landkreis, und jetzt, wo wir alle Ferien haben, kann ich einfach so mal einen Morgen mitfahren.

Das mag ziemlich verrückt klingen – in den Ferien so früh aufzustehen, um sich mitten im Industriegebiet zuerst einmal zum Briefesortieren zu treffen. Aber allein das war schon ziemlich lustig. Mein mathematisches Gedächtnis ist nämlich bereits vor einer Woche in einen recht tiefen Schlaf gefallen, und da fiel es gar nicht so leicht, die vielen Umschläge erst nach Straßen und schließlich nach Hausnummern zu ordnen: 49 bis 61, aber nur die ungeraden! Und 55 bis 46. Und dann noch 2a bis 18, aber da nur die geraden! Die einzelnen, hoch und runter sortierten Umschläge wurden straßenweise mit Gummibändern zusammengefasst und dann hat Steffi sie dem Routenplan nach in große blaue Boxen eingeordnet.

Für die hat sie auch extra ein ganz schweres, breites, fürchterlich quietschendes Briefträgerfahrrad. Allerdings ein silbernes, nicht gelb! Mit einem Ständer, den man unter dem Lenker so nach vorn klappt. Dann hat das Rad auf einmal vier Räder und rollt gern mal bis zur nächsten Doppelhaushälfte, während Steffi schnell zu den Briefkästen springt. Ich durfte die Briefe für die größeren Hauptstraßen übernehmen und bin dort mit meinem Rad von einem Haus zum nächsten geflitzt.

Leider ist das Postverteilen nicht ganz so spektakulär, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur wenige Menschen sind vormittags überhaupt Zuhause. Einmal kam mir eine Frau entgegen aus ihrem Haus. „Haben Sie etwas für mich?“, fragte sie, und ich sagte: „Für Pöschl.“ – „Das bin ich!“, rief sie. Ich war mir nicht sicher: „Aber für Frank.“ – „Das bin ich auch!“

Ansonsten begegnet man vielen Hunden. Und tatsächlich: Sie kläffen (meistens sind es ganz kleine) oder bellen (einmal waren es zwei Schäferhunde) sich die Seelen aus dem Leib. Huu! Zum Glück haben solche Haushalte ihre Briefkästen außen am Zaun angebracht. Wenn überhaupt. Manche Häuser haben nämlich gar keinen! Dann habe ich erst mal Steffi gesucht. Dazu musste ich nur ein wenig die Straße abfahren und hören, hinter welcher Ecke es schrecklich quietschte. Dort fand ich sie meistens in einer Seitenstraße. Oder zumindest ihr Postfahrrad, das da vor sich hin rollerte. Auf die Problemumschläge schrieb Steffi immer tolle kryptische Sachen wie „kein BK“ oder „Ad 160“, und packte sie wieder ein.

Übrigens: Am schlimmsten sind diese Briefkästen mit Pelz oder Bürsten innen drin! Die gibt es oft in Seniorenhaushalten. Das fühlt sich an, als würde man in einen Staubsauger fassen. Falls ihr so einen habt, denkt mal über einen Wechsel nach.

Briefträgersein ist auf jeden Fall ganz schön anstrengend. Dieses ewige Auf- und Absteigen! Einmal kam uns eine Briefträgerin entgegen, von der Post. Wir, die wir von der bösen Konkurrenz entsandt worden waren, duckten uns weg – aber da wurde mir noch einmal klar, dass diese Leute eigentlich einen ziemlichen Knochenjob machen. Vor allem, weil man nach einigen Stunden wirklich einen Riesenhunger bekommt. Ich war jedenfalls froh, als schließlich alle Briefe ausgetragen waren. Steffi machte sich auf den Weg zurück zur Zentrale, um ihr Rad zurückzubringen, und ich fuhr nach Hause. Auf dem Heimweg fragte ich mich, ob ich das noch einmal machen würde. Da fing mein Fahrrad an zu quietschen.

#6: Make a poster of shadows.

Make a poster of shadows.

Eintrag aus dem Klassenbuch: Schule, warum ich dich hasse und liebe

Die einen besuchen sie neun, die anderen zwölf Jahre: Die Schule prägt uns ein Leben lang. Eva Schulz steckt noch mitten drin im Leben zwischen Lehrerzimmer, Spickerschreiben und Banknachbarn. In unserer Kolumne beschreibt sie, was das Schulleben ausmacht. In der letzten Folge widmet sich Eva den Dingen, die wir an Schule nie vermissen werden und dem, was an Schule durchaus liebenswert ist.

Schule, warum ich dich hasse und liebe

Wow. Heute ist mein erster Ferientag. Der Tag, auf den ich seit Wochen hingefiebert habe. Auf dem Tisch in der Klasse war der Stunden-Countdown, in Bleistiftzahlen, und nach jeder Stunde radierten wir eine davon aus.

Im Schrank noch Kuchenkrümel und benutzte Servietten aus den vergangenen Tagen, an denen selbst die Lehrer meist keine Lust auf Unterricht mehr hatten. Die letzten Klausuren wurden zurück- und (fast) alle Bücher abgegeben (wer zum Henker hat mein Erdkundebuch?!). Dann klingelte die Glocke zum letzten Mal.

Das war gestern – scheint aber jetzt schon ganz weit weg.
Denn wir lehnen uns zurück, endlich frei von Stress nach den abschließenden, so anstrengenden Monaten, in denen mehr und mehr die grässlichen Seiten von Schule auffielen. Die, die man nach einem ganzen Schuljahr erst mal wieder Leid ist, die man dann kaum noch erträgt:

  • Montage
  • die 5 minus in Bio
  • die nervtötenden Fünftklässler morgens im Bus
  • wenn Michael neben einem sitzt
  • auf die Frage, was man für die Klausur können muss die Antwort: „Alles!“
  • Tafeldienst zu haben
  • wenn die Mensa „frischen Obstsalat“ anbietet und eine braune Banane meint
  • Stufenversammlungen, bloß um über eine T-Shirt-Farbe abzustimmen
  • wenn der Lehrer in einer selbsternannten „Demokratur“ über das Wandertagsprogramm entscheidet
  • erwischt zu werden, während man heimlich Hausaufgaben macht
  • wenn draußen die Sonne scheint
  • zu entdecken, dass die Gerüchte über den neuen Englischlehrer („jung, dynamisch, sportlich, fit“) nicht stimmen
  • als Oberstufenschüler kein Hitzefrei mehr zu haben
  • wenn laut Vertretungsplan wieder nur die blöde Parallelklasse freikriegt.

Auf all das könnte man gut und gerne verzichten. Das sind Gründe, direkt umzudrehen, wenn man wieder vor dem Schultor steht. Aber wenn in gut fünf Wochen die erste Freundin anruft, um über Kursleiter oder Klassenlehrer zu spekulieren, wenn die Stundenpläne herausgegeben werden und die neuen Bücher ankommen, kurzum: wenn man sich allmählich wieder mit dem Gedanken anfreunden muss, früh aufzustehen und zur Schule zu gehen, dann erinnert man sich zurück an die schönen Seiten des Schullebens. Die, die die Schulzeit letztendlich zu einer herrlichen Zeit machen:

  • Freitage
  • eine Facharbeit über „Die heile Welt von Astrid Lindgren am Beispiel von Michel aus Lönneberga“ zu schreiben
  • die letzte Lateinstunde seines Lebens zu haben
  • wenn Andi neben einem sitzt
  • wenn die Referendarin Muffins für alle backt
  • Radiergummistempel zu schnitzen
  • wenn die Doppelstunde Reli ausfällt
  • der versteckte Wecker im Overhead-Projektor
  • ausnahmsweise mit dem Rad zur Schule zu fahren
  • wenn der erste Schnee fällt
  • die endlosen Diskussionen im Philosophieunterricht
  • mit den Jungs um ein Knoppers zu wetten, dass sie keine Krawatte binden können – und zu gewinnen.
  • der „Stowasser“ in neudeutscher Schrift
  • gemeinsam mit Steffi alle anderen verrückt zu machen, indem man sich nur noch in „Gilmore Girls“-Zitaten unterhält

Nur Eine kenne ich, die am liebsten und wirklich für immer und ewig Ferien hätte. Die die schreckliche Langeweile, welche sich irgendwann einstellt, ertragen und den Spaß, den sie mit ihren Freunden in der Schule hätte, opfern würde. Weil sie dort nämlich einfach ständig einschläft, und deshalb immer nur „Vier oder Fünf Minusse“ schreibt.

Peppermint Patty, von den Peanuts.

Einmal, gegen Ende der Ferien, kommt sie in einen Schreibwarenladen und sagt: „Ich brauch’ Sachen für die Schule…“, und zieht eine Liste hervor. „Einen Bleistift, Papier, eine Heftmappe…“, liest sie.

„Und Lösungen… jede Menge richtige Lösungen…“

Jetzt.de, 21. Juni 2007

Kultcast #50

Herr Teschlade hat noch meinen Reli-Klausurhefter! 4,6 MB

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Die erste Langeweile nach vier Monaten macht ausnahmsweise nicht nur verrückt, sondern auch ein kleines bisschen glücklich.

Letzte Folge der Schulkolumne
Alter Eintrag: Die jungen Wilden
The Wrong Trousers bei MySpace

Maskenball

Es gibt besonders würdevolle Menschen, die wir bewundern. Letztendlich bewundern wir sie für eine Maske, die sie sicher tragen, die niemals verrutscht und uns genau das vorspielt, was wir wollen: Das Bild eines nahezu perfekten Menschen, der zudem – oder dennoch – unzählige Geheimnisse birgt. Die Geheimnisse besonders würdevoller Menschen offenbaren sich uns nie. Das macht sie so anziehend.

Ich finde, Königinnen sind besonders würdevoll. Würde, dazu gehört Anmut, eine gewisse Grazie. Deswegen sind es auch so oft Frauen, die voller Würde eine Treppe hinabschreiten oder auf jemanden zugehen. Das tun sie mit geradem Rücken und erhobenem Kopf, präzise einen Fuß vor den anderen setzend. Bedächtig und doch nicht schüchtern, sondern fordernd, so wirken schreitende Königinnen.

Dabei lächeln sie nicht unbedingt. Mit Würde zu lächeln ist eine Kunst für sich. Oftmals scheint es ein versteinerter Gesichtsausdruck zu sein, den die Königinnen tragen. Vielleicht gar eine kunstvoll gezeichnete Maske, mit lediglich zwei runden Löchern, durch die die königlichen Augen zu sehen sind. Wache Augen, hinter denen sich Sätze und Gedanken verbergen müssen, die ewig unausgesprochen bleiben. Anstatt dieser Sätze steht ausgesprochene Höflichkeit. So hat Würde auch immer etwas Geheimnisvolles. Sie weckt Fragen in uns nach dem, was im Kopf der Königin vorgeht. Sich danach zu erkundigen würde aber niemals irgend jemand wagen. Denn Würde wird Respekt entgegengebracht, ein Respekt, der bisweilen eine tiefe Schlucht zwischen der Königin und ihrem Gegenüber entstehen lässt. Deswegen fühlen wir uns meist so klein in Gegenwart besonders würdevoller Menschen. Die Würde macht die Menschen unantastbar.

Manchen von ihnen ist solche Würde von der Natur gegeben. Eigentlich beneidenswert, dieses Unnahbare, das letztlich sicher macht. Das uns rätseln lässt, das uns fasziniert, das diese Menschen so eindrucksvoll macht, wie wir schon immer sein oder zumindest wirken wollten. Die Würdevollen, die Königinnen haben eine besondere Präsenz, eine Ausstrahlung, die gefangen nimmt trotz der Introvertiertheit, die sich hinter ihrer Maske verbirgt.

Doch gerade diese Maske ist das, weswegen sie auf keinen Fall zu beneiden sind. Manchen Menschen wird gelegentlich von bestimmten Handlungen abgeraten, weil sie Gefahr laufen, ihre Würde, ihre Maske zu verlieren. Man muss ganz furchtbar aufpassen auf diese Maske. Sie verrutscht schon beim kleinsten Anflug von Hektik. Von Wut, Trauer oder, ganz gegenteilig, unbändiger Freude. Eine Maske zu tragen ist deshalb sehr anstrengend. Eine Aufgabe, die Perfektion und Konzentration verlangt und viel Verzicht. Eine Maske zu tragen ist harte Arbeit.

Nicht jeder ist für diese Arbeit gemacht. Fast alle von uns verlieren einmal ihre Würde, irgendwann, für kurze Zeit. Würde, hätte, könnte, sollte heißt es dann im Nachhinein. Wir lassen uns tadeln, wir schelten uns gar selbst für solche Ausrutscher. Verrutschte Masken stehen der Gesellschaft nicht. So lastet ein Druck auf uns, ein schrecklich würdevoller natürlich, dem wir kaum entkommen können. Entkommen ist noch schwerer, als würdevoll zu sein.

Denn seine Maske abzulegen würde bedeuten, endlich völlig frei zu handeln. Zu tun, was immer man möchte. Auszusehen, wie es einem gefällt. Zu sagen, was man denkt. Und zwar ohne sich beeinflussen zu lassen von dem, was Andere meinen. Der Mensch, der seine Maske überwunden hat, muss ein sehr glücklicher Mensch sein.

Die ohne Würde sind werden immer dargestellt als die schlimmen, als die schwarzen Schafe. Aber man muss unterscheiden zwischen denen, die absolut würdelos handeln, und denen, die ihre Würde richtig einzusetzen wissen. Denn ohne Würde zu leben, das geht nicht. Es machte andere Menschen unglücklich. In solchen Fällen zum Beispiel, in denen man eigentlich sagen möchte, was man denkt – in denen man aber jemand anderen verletzen würde. Dann muss man die Maske wieder hervorkramen. In diesem Moment muss der Würdevolle selbst Respekt haben.

Letztendlich gibt es drei Stufen. Die erste ist die der Würdelosen. Die zweite ist die der Würde als ein ständiges Kostüm. Und die dritte ist die der abgelegten, der kontrollierten Würde. Die dritte Stufe ist womöglich der einzige Zustand, in dem man absolutes Glück empfinden kann. Es gibt ein Wort für diese Stufe, irgendwo, da bin ich sicher. Aber ich finde es nicht. Es ist ein besonders würdiges Wort, das man leider nur selten benutzt.

Das liegt daran, dass Stufe Drei so selten erreicht wird. Es ist einfach unglaublich schwer. Und genau das ist wohl der Grund dafür, dass der Staat schon Stufe Zwei vorsorglich schützt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ja, vielleicht. An fremden Masken soll man nicht tasten. Das bringt nur Unglück, für alle. Aber die eigene sollte man hin und wieder auf Passform und Größe überprüfen. Vielleicht lohnt es sich ja, sie für einen Moment abzunehmen.

1. Platz “Würde des Menschen” von projekt.zeitung