Der Titel „Krone der Schöpfung“, welcher oft an den Menschen vergeben wird, klingt so hochmütig und ist von so egoistischer Bedeutung, dass ich ihn mir nur ungern verleihen würde. Er bedeutet: das Höchste, die Spitze. Der Herrscher. Sind wir das tatsächlich?
Im Philosophieunterricht sammelten wir die Eigenschaften und Fähigkeiten, die einen Menschen ausmachen, die ihn maßgeblich von allen anderen Lebewesen unterscheiden. Dazu gehören das Denkvermögen, soziale Einbindung und Ausdruck von Emotionen. Sie lassen sich zum großen Bereich „Sprache“ zusammenfassen. Zwar mögen Tiere über eine gewisse Form von Sprache verfügen, doch selbst wenn diese nicht durch Instinkte begründet ist, so ist sie doch sehr viel primitiver als die des Menschen. Sie ist so primitiv, dass der berühmte Philosoph René Descartes erklärte: Eine „Tiermaschine“, einen perfekt nachahmenden Roboter, würden wir nicht als solchen erkennen. Eine „Menschmaschine“ hingegen schon – weil sie Sprache nicht so spezifisch anwenden würde wie wir „echte“ Menschen.
Außerdem nannten wir noch den freien Willen und die praktische Vernunft. Sie entsprechen dem Bild vom voraussehenden Menschen, der zum Beispiel frei wählen kann, in welchem Umfeld er lebt, weil er ganz einfach in jedem überleben kann – indem er es sich, mit Hilfe seiner praktischen Vernunft, anpasst. Die Frage ist hier nur: Passt der Mensch sich die Natur an, oder muss er sich doch auch der Natur anpassen? Ich glaube, das beides nötig ist, dass aber Ersteres überwiegt.
Zum Beispiel so eine Extremsituation: Ein Mann, der in der Antarktis lebt, passt sich diese an, indem er eine warme Behausung baut, vielleicht unterirdisch oder auf andere Weise, denn in der Kälte könnte er nicht überleben. Zugleich muss er sich an die Antarktis anpassen, wenn er etwa sein Haus verlässt: Zum Schutz vor der Witterung braucht er warme Kleidung und spezielles Schuhwerk, um nicht auszurutschen.
Wenn die Frage gestellt wird nach der „Krone der Schöpfung“, sollte man aber auch fragen: Falls das nicht der Mensch ist, wer oder was ist die Alternative? Die Tiere, die nach Instinkten handeln, können es nicht sein, sie sind – nicht zuletzt wegen der oben genannten Gründe – nicht in der Lage, über uns zu herrschen. Es gibt ganz einfach keinen Instinkt, der ihnen das vorschreibt.
Die Natur selbst jedoch schafft es immer öfter, den Menschen zumindest anzugreifen, durch Naturkatastrophen in Form von Überflutungen, Dürren, Stürmen… Der Mensch versucht, dieser Angriffe Herr zu werden, aber besonders angesichts der nun immer hitzigeren Diskussionen über die globale Erwärmung sehen wir, wie schwer das fällt. Hier ist tatsächlich äußerste Vorsicht geboten, für alle, die ihren tollen Titel „Krone der Schöpfung“ verteidigen wollen.
Mir stellt sich da allerdings noch viel eher die Frage, ob eine „Krone der Schöpfung“ überhaupt existiert. Ob es eine Spitze, einen Herrscher gibt. Ich glaube, dass der Begriff falsch gewählt ist. Heute ist es vielmehr nötig, dass der Mensch sich nicht als das Höchste, sondern als Teil eines Ganzen versteht. Ohne Tiere würde dieses Ganze ebenso wenig funktionieren wie ohne Pflanzen und ohne Naturgewalten. Der Mensch ist auf all diese Faktoren angewiesen – viel mehr, als sie auf ihn angewiesen sind.



Ich beneide dich so sehr um deinen Philosophieunterricht!
Wunderbar schlauer und richtiger Text. An die Krone der Schöpfung glaube ich nicht; es ist nur ein Argument, das uns Menschen mehr erlaubt als all den anderen Naturerscheinungen; sie können nämlich nicht mitentscheiden. Nun, vielleicht ja doch, in gewisser, oben erwähnter Weise.
Für mich kommt als Unterschied noch etwas weiteres hinzu: Plastizität. Furchtbares Wort. Was ich damit meine: der menschliche Geist und das menschliche Verhalten sind deutlich anpassungsfähiger als das praktisch aller Tiere. Damit meine ich nicht nur die von dir genannte vernunftbegabte Anpassung, sondern auch die der tiefer liegenden Schichten.
Wir können lernen, Fahrrad zu fahren, wir können Werkzeuge extrem intuitiv benutzen und Bewegungsabläufe lernen, die uns vorher völlig fremd waren. Es ist zum Beispiel den Tieren, die schwimmen können (also aus dem Verhalten, nicht wegen physikalischer Gegebenheiten) unmöglich, es zu lernen. Die einzige Ausnahme sind unsere Vettern, die Primaten. Und selbst für diese ist es extrem schwierig.
Die Baumkrone schöpft von der Erde
im Licht reift die Frucht und trägt
den Samen mit dem Wind