Es kommt mir vor, als verfolgten sie mich plötzlich, die unglaublich jungen, unglaublich talentierten Musiker. Dann fällt mir auf: Es sind nur zwei. Aber die sind so wuchtig, wie zehn Ladungen Arctic Monkeys auf einmal. Das muss ich teilen!
Es begann mit einem 19-Jährigen Traunsteiner. Christina Kretschmer schreibt über ihn, „Bayern hat jetzt auch einen Conor Oberst“, und spricht damit so wahr. Er heißt Josef Wirnshofer, aber in ein, zwei Jahren werden ihn alle nur noch als The Marble Man kennen. „Marble“ ist er allerdings auf keinen Fall: Seine Musik ist wunderbar gefühlvoll gesungen und fällt ganz sanft. Sie schafft Atmosphären, und das ist eine unschätzbar wertvolle Fähigkeit wirklich guter Musik. So ist „Sugar Rails“ ein Track für den lauen Sommerregen – für jetzt! „The Boy With His Hat“ oder „A Liar At Best“ klingen nach wiegender Fröhlichkeit, nach Hängematte oder nach Radfahren und einem Picknick mit Freunden. Und „Slowly Dying Star“ macht Gänsehaut. Gänsehaut, mit 19, denke ich, und alle Instrumente, Gitarren, Bass, Schlagzeug, Luftorgel, selbstgespielt, mit 19, und diese grandiosen Texte, Mensch, mit 19! Bis vor kurzem hat er all das noch bei seinen Eltern auf dem Dachboden aufgenommen. Aber dann kam ein schlaues Label. Und was kommt am 22. Juni? Eine ganze tolle Platte. Ich kann es kaum erwarten.
Weniger Gitarren und auch weniger Glücksmomente hat die Musik Anja Plaschg. Sie hat zudem noch weniger Lebensjahre hinter sich: Erst 16. Ich weiß nicht, ob man nur mit 16 so große Traurigkeit empfinden kann, wie der Zuender schreibt. Ich bin schließlich selbst erst so alt! Und das ist, was diese Musik für mich so aufregend macht. Anja Plaschg, die ihre Musik unter dem Namen Soap & Skin veröffentlicht, hat die Schule abgebrochen und studiert jetzt an der Akademie für bildende Künste in Wien. Alles an diesem Mädchen wirkt, als gehörte sie nicht in diese Welt. Ihr Gesicht sieht so jung aus und zugleich, als verberge sich eine furchtbar weise alte Frau dahinter. Sie spricht über den Tod und darüber, dass sie so viel von sich preisgibt, wenn sie musiziert, und dass sie deshalb nicht gerne in kleinen Clubs spielt, weil dann das Publikum so nah ist. Es klingt nach Sartre: Anna Plaschg ist dazu verurteilt, Musik zu machen. Besonders angetan hat es mir ihr Lied „Our Secret Fate (My Last Reqiuem)“. Vielleicht, weil es genau danach klingt.
Nachtrag: Der Höhepunkt aber ist die San Diegoer Band The Wrong Trousers. Zwei Jungs uns ein Mädchen im Alter zwischen 16 und 18, die mit Mandoline, Kontrabass und Harfe – nie habe ich eine verrücktere Kombination gehört, die noch dazu so gut klingt – nicht nur Regina Spektor oder den alten Buggles-Hit “Video Killed the Radio Star” covern, sondern auch noch herrlich beschwingte eigene Lieder komponieren. In Deutschland macht Spreeblick als erstes auf die Schülerband aufmerksam, die gerade richtig loslegt. Sie nimmt eine EP auf, die noch dieses Jahr erscheinen soll, und bekommt wahrscheinlich täglich neue Fans dazu. Kein Wunder bei dieser besonderen Musik und diesen verschwurbelten Leutchen, dem nerdigen Frontmann zum Beispiel, der auf den ersten Blick aussieht wie Michael Moore, und der immerzu Kleider tragenden Harfinisten Kelsea. Wie können diese so jungen Leute so neue, so wunderbare Musik machen? Ich will die CD! Jetzt sofort!!
Es ist ein Kreuz mit der Jugend, die diese Talente unweigerlich noch besonderer macht. Anna Plaschg sagt: „In einem Monat werde ich siebzehn. Das ist schon arg, denn ich muss mit dem Alter besser werden.“ Mich erinnert das daran, wie ich früher immer dachte: All die Begabten, die Berühmten, die Schauspieler, die Musiker, die Sportler, werden irgendwann in deinem Alter sein. Wie sich das wohl anfühlt. Dass das jetzt schon losgehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist ein merkwürdiges Gefühl.


Weißt du, das ist seltsam, im Dezember war ich in München, da war ja dieses Bavarian Open und das will ja unbekannte Künstler bekannt machen -unter anderem – und ich sah den, Marble Man. Damals war ich noch genauso alt wie er. Und ich dachte mir: Verdammt, wie können manche Menschen so viel erreichen und ich überhaupt nichts?
In ein paar Tagen ist übrigens das Bavarian Open Pfingst-Festival oder wie das heißt. Darauf freu ich mich auch schon. Das ist sogar kostenlos.