Im stillen Kämmerlein – Wie Felix zum Glauben fand

Früher muss Felix Leuker bei diesen Schulgottesdiensten ein merkwürdiges Gefühl gehabt haben. Er verstand nicht, worum es eigentlich ging, wenn der Priester aus der Bibel vorlas, von Nächstenliebe und ewigem Leben sprach, wenn seine Mitschüler dem Mann im Chor antworteten und kitschige Lieder über Senfkörner und Herrlichkeit sangen. Am komischsten muss der Moment gewesen sein, in dem der Geistliche Brot verteilte, das nicht wie Brot aussah, und erklärte, das sei der Leib Christi. Dann war Felix der einzige, der zwischen den leeren Stühlen sitzen blieb – weil er nie getauft worden war.

„Meine Familie ist selbst nicht religiös“, erzählt der 16jährige, „meine Mutter ist sogar mit 14 aus der Kirche ausgetreten.“ Trotzdem schickten seine Eltern ihn auf eine Klosterschule – weniger wegen des religiösen Aspektes, sondern weil es „einfach eine schöne Schule, mit nicht so vielen Schülern“ ist. Dass mit diesem Schritt der Grundstein seines persönlichen Glaubens gelegt sein könnte, daran dachten weder er noch seine Familie.

Felix war 13, als er sich zum ersten Mal die Frage nach dem Sinn der Gottesdienste stellte. „Da habe ich mich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, in Büchern gelesen, und fand es spannend“, sagt er. „Ich wollte mich genauer damit auseinandersetzen und habe Pater Felix gefragt, ob wir uns nicht mal darüber unterhalten können.“

Pater Felix Rehbock ist katholischer Priester, Missionar und Seelsorger an Felix’ Schule, dem Gymnasium Mariengarden in Borken-Burlo, einem kleinen Ort im Münsterland. Er war überrascht, als Felix ihn ansprach. „Nicht wegen der Fragen, die er gestellt hat“, betont er, „sondern, weil ich das im katholisch geprägten Nordrhein-Westfalen, an einer Klosterschule, weniger erwartet habe.“ Die beiden beschließen sich regelmäßig zu treffen. „Am Anfang wusste er nicht, was auf ihn zukam“, schmunzelt Pater Rehbock, der schon oft Menschen auf dem Weg des Katechumenats, des Christwerdens, begleitet hat. „Er war etwas verhalten. Aber mit Zeit wurde er lockerer.“

Der Geistliche erklärt Felix alle Grundlagen der katholischen Kirche, zeigt ihm die Gotteshäuser und berichtet von Jesus. „Ich habe die Sachen immer mehr verstanden und auch für mich selbst ein Verständnis entwickelt, dass das halt doch so sein könnte, wie der Typ mir das immer erzählt“, grinst Felix. Nach über einem Jahr ist er sich ganz sicher: Er möchte getauft werden. „Ich überlegte schon ein paar Wochen, ob ich das wirklich tun will, denn das ist ein Schritt, den man nicht so einfach wieder rückgängig machen kann“, sagt er. „Letztendlich fand ich einfach viel mehr Argumente dafür.“

Natürlich gibt es auch Dinge, die Felix weniger gefallen. Die kirchlichen Standpunkte zu Geschlechtsverkehr und anderen modernen Themen hält er für überholt. Damit ist er nicht allein: Laut der Shell Jugendstudie 2006 finden 68% der deutschen Jugendlichen, die Kirche müsse sich ändern, wenn sie eine Zukunft haben will. „Angeblich ist die Kirche moderner geworden über die Jahre, aber für mich könnte das ruhig noch einen Tick schneller gehen“, findet Felix.

Die Studie besagt auch, dass lediglich 30% der Jugendlichen sich in einem kirchennahen Sinne als religiös bezeichnen. Die deutsche Jugend neige zu einem Patchwork-Glauben, zu „Religion light“. „Natürlich ist nicht alles richtig, was in der Bibel steht“, weiß Felix, „das darf man nicht so wörtlich nehmen. Menschen, die so etwas sagen, befassen sich nicht genug mit dem Thema, sondern sehen nur, was auf der Oberfläche geschrieben steht.“ Pater Rehbock, der durch seine breit gefächerte Jugendarbeit mitbekommt, welche Verständigungsschwierigkeiten zwischen Kirche und Jugend bisweilen bestehen, meint: „Tendenziell suchen junge Leute den Glauben, aber nur wenn er wahrhaftig ist. Wenn sie Christen erleben, Nächstenliebe erleben, vor Ort.“

Das konnte er Felix vermitteln. Im März 2006 wurde er in der Kirche an seiner Schule getauft. Jetzt spielt der Glaube eine wichtige Rolle in seinem Leben. Er gibt ihm Halt in wichtigen Fragen. „Wie ist die Welt entstanden – Urknall? Davor muss irgendwas gewesen sein, was war davor, was war davor? Was ist nach dem Tod? Die Frage stellt sich ja eigentlich jeder. Ist es dann vorbei, man schläft, oder gibt es da noch irgendwas?“ Man merkt Felix an, wie diese Fragen ihn drängen, und gleichzeitig, sagt er, gebe ihm die Religion Kraft und die Hoffnung, dass es nicht zu Ende sei.

„Gott soll Felix niemals in Ruhe lassen!“, antwortet Pater Rehbock auf die Frage, was er sich für den jungen Christen wünsche. Er solle seinen reflektierten, gelebten Glauben behalten. Deshalb bereitet Felix sich inzwischen auf seine Firmung vor. In ein paar Monaten findet eine solche für Erwachsene statt, mit dem Bischof in Münster.

Und auch im Alltag begleitet ihn der Glaube. „Das fängt schon an beim Morgengebet in der Schule, oder zu Hause. Da mache ich das dann natürlich im stillen Kämmerlein“, lacht er. Seine Eltern finden es gut, dass ihr Sohn seinen eigenen Weg gefunden hat und dieser ihm so wichtig war, dass er ihn auch allein bestreiten konnte. Um den Hals trägt Felix jetzt stets ein silbernes Kreuz. „Ich will ja auch ein Zeichen nach außen geben, für andere Menschen, dass ich halt da hingehöre.“

Wie Pater Rehbock irgendwann einem Orden beizutreten oder anderweitig im Dienst der Kirche zu arbeiten, kann er sich allerdings nicht vorstellen. Erst einmal wird er die Schule abschließen, weiterhin den Gottesdienst in seiner Gemeinde besuchen, zusammen mit seiner Freundin, und seiner anderen Leidenschaft, dem FC Schalke 04, frönen. Aber wer weiß? Pater Rehbock meint: „Wenn Gott das mit ihm vorhat, bleibt ihm wohl nichts anderes übrig.“

Im Finale! Der Duden Open 2006 / 2007

15 Kommentare

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  1. Kristof sagt:

    “Patchwork-Glauben”, na danke.

  2. David sagt:

    ich hab wieder etwas geschrieben, auf meinem blog :)

  3. jensjetzt sagt:

    hallo eva,

    eine schöne reportage und glückwunsch zur finalteilnahme.

    mir fehlen trotzdem einige fragen zur auseinandersetzung mit der kirche – nicht mit der religion. ich finde diesen text prokatholisch. das ist völlig ok, doch wenn es nicht im text erwähnt wird, ist es schade. ich würde nach dem lesen behaupten, dass du selbst katholisch bist. das ist auch völlig ok, aber aus meiner sicht wird der text dadurch sehr subjektiv. es ist damit für mich keine reportage mehr. journalismus ist für mich etwas, was versucht objektiv und transparent zu sein. objektivität ist schwierig, aber an der transparenz kann man arbeiten. die fehlt mir hier ein stück weit.

    ich selbst bin atheistisch erzogen worden, habe mich erst spät für religionen interessiert. als ich dann ein interesse hatte, da wollte ich am religionsunterricht einer staatlichen schule in berlin teilnehmen. in der ersten stunde begann die lehrerin mit dem weihnachtsfest. ich wollte wissen, ob wir uns den religionen in diesem unterricht widmen oder nur dem christentum. sie verstand erst meine frage nicht, dann antwortete sie aber, dass wir uns dem christentum widmen werden. dies war der grund für mich, diesen unterricht zu verlassen. immerhin gab es viele religionen vor dem christentum, und einige extistieren neben dem christentum. es war etikettenschwindel: es war kein religionsunterricht, sondern christenlehre. leider.

    ich habe häufig solche dinge erlebt und wurde stutzig: kann sich die katholische kirche auf ihre auslegung der bibel nicht verlassen? warum muss sie diesen etikettenschwindel stattfinden lassen?

    würde sich die katholische kirche ihrer sache sicher sein, könnte sie doch auf diese nichttransparenz verzichten.

    genau das wünsche ich mir für die anhänger einer kirche, egal welche es ist.

    dies soll keine generalkritik an dir oder der katholische kirche sein. deine texe mag ich gern, das sozialpolitische engagement der katholischen und evangelischen kirchen kenne ich und halte es für wichtig.

    gruüße aus berlin – jens

  4. Eva sagt:

    Hej Jens, danke für die Kritik, ich gebe dir durchaus recht; und in der Bewertung der Jury klang das auch ein bisschen mit. Leider habe ich die genaue Formulierung jetzt nicht zur Hand. Das Verrückte ist aber, dass ich, ehrlich gesagt, gar nicht wirklich prokatholisch eingestellt bin. Allerdings war ich begeistert von Felix’ festem Willen und fand das Thema ziemlich spannend. Mehr kann ich an dieser Stelle leider nicht schreiben, weil ich verreist bin und nur begrenzten Internetzugang habe. Aber danke nochmal, und ja! nochmal, und – ausnahmsweise ganz christlich – frohe Ostern!

  5. jensjetzt sagt:

    yo eva,

    na dann viel spaß im urlaub. ebenfalls an dich plus leserschaft: frohe ostern.

    hipp hipp hurra – jens

  6. roman sagt:

    Welch überschwängliche Freude zu Ostern.

    Danke fürs frohe. Werde was suchen. Und verstecken.

  7. Roman sagt:

    ICH WILL GROß GESCHRIEBEN WERDEN. GROß!

  8. jensjetzt sagt:

    rOMAN, ganz ruhig! hier wird nicht randaliert. ist ja nicht dein blog! und jetzt ab in die ecke und schäm dich für dein rumgebrülle :-)

    grüße aus berlin

  9. Helenchen sagt:

    ROMAN ICH FINDE DU DARFST HIER BRÜLLEN DENN ES IST EINE UNVERSCHÄHMTHEIT DAS DU NICHT GROßGESCHRIEBEN WURDEST

  10. Eva sagt:

    Gut gebrüllt, Löwe!

  11. Helenchen sagt:

    JA

  12. Darf ich anmerken, dass deine Texte auf jetzt.de die einzigen sind, auf die ich mich noch freue? Du bewahrst immerhin ein Niveau, das ich sonst immer mehr vermisse…

  13. Eva sagt:

    Vielen Dank! Auch wenn ich der Kritik an jetzt.de nicht so pauschal zustimmen kann. Aber ich bin ja auch SOWAS von subjektiv! Hör besser gar nicht hin.. Hihi.
    Viele Grüße!

  14. Ach, Subjektivität rockt! ;)

  15. Wolfgang sagt:

    Hallo,
    wer auch immer Pater Felix Rehbock trifft, bestelle ihm bitte einen schönen Gruß aus seiner Heimatgemeinde St. Josef in Papenburg.

    WW

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