Archiv für November, 2006

Wut

Ich streite nicht.

Das ist wie bei Windows XP. Wenn man das eingerichtet hat, fehlt zuerst die Lautstärkeregelung. Der Rechner hat eine Standardlautstärke, die man nicht durch die Systemeinstellungen variieren kann.

Bei mir ist das Streitplugin nicht installiert. Ich schreie nicht und werde nicht laut, stampfe niemals völlig entsetzt irgendwelche Treppen hoch oder knalle Türen hinter mir zu. Warum, kann ich nicht sagen. Eigentlich mag ich Wut. Sie ist ein tolles Gefühl, so impulsiv, laut, groß. Voller Energie! Und vernünftig. Wer wütend wird, wird das fast immer aus Vernunft: Weil er sich oder andere ungerecht behandelt fühlt. Weil etwas nicht funktioniert, das eigentlich funktionieren sollte. Weil seine Gefühle verletzt werden.

Ich kann auch Wut empfinden. Wenn ich Musik mache zum Beispiel, sind wütende Stücke für mich mit die einfachsten. Dann spanne ich alle Muskeln an und kann mich da ganz reinhängen und ganz klirrend spielen oder laut rausrufen. Und auch beim Sport versetze ich mich gern in eine Kopfwut, so eine Wut gegen mich selbst, die mich anspornt, mich noch schneller rennen, härter werfen, weiter springen lässt. Das schnelle Atmen danach. Dieses zerfetzt sein, leer sein, durstig sein. WUT. ROAAAR – Aber laut schreien, weil jemand mir Unrecht tut?

Vor Jahren war es einmal so weit. Sie und ich, wir hätten unbedingt streiten müssen. Wir waren an diesem Punkt angelangt, auf der Spitze des Eisbergs, die Luft hatte sich aufgeheizt, und wir standen voreinander. Aber sie ist auch keine Streiterin. Wahrscheinlich hatten wir deshalb immer so gut zusammen gepasst. Tun es wohl noch immer. Sie stand da, ich stand da. Wir übergingen die Auseinandersetzung einfach. Vertrugen uns, ohne gestritten zu haben. Die Vorwürfe stapelten sich hinter uns, um uns rum, und mauerten uns ein. Wir verloren uns in einem Stillschweigen. Stillstillstill. Grabesstille, bis heute.

Wie man die Lautstärkeregelung aktiviert, weiß ich inzwischen. Man muss eine gewisse sndvol32.exe installieren, weil die bisweilen fehlt, und anschließend bloß noch die entsprechenden Funktionen in der Systemsteuerung aktivieren. Dann erscheint in der Taskleiste das kleine Lautsprechersymbol, und man kann die Lautstärke beliebig verändern. Denn manchmal braucht man ein Lied nun mal EXTREM LAUT.

Streiten kann ich aber immer noch nicht.

Kultcast #42

O-Töne aus dem O-Cafe. 9,7 MB

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Jein

Wir bekommen eine halbe Stunde eher frei. Die Busse kommen noch lange nicht. Ich will meine Ruhe zum Lesen und die Gemütlichkeit eines alten Sofas, also gehe ich ins O-Cafe, wo während des laufenden Nachmittagsunterrichts niemand ist außer Ramona und Lotte aus dem gleichen Kurs. Ihre Nachnamen beginnen beide mit B, deshalb haben sie in dieser Woche O-Cafe-Dienst für unsere Stufe. Sie spülen. Es ist ziemlich dunkel, deshalb fällt mir Anna Maria nicht sofort auf, die da sitzt, von ihrem Nachhilfeschüler versetzt, einen Apfel isst und auf das Treffen der Theater AG wartet.

Ich schalte das Licht an und setze mich auf meine Lieblingscouch, die Grüne, deren Polster mit der Zeit immer nach vorne wegrutschen. Julian kommt rein, macht die Musikanlage an und verschwindet wieder. „Jein“ von fettes Brot. Wie gut es passt.

Vor mir die beiden blauen, harten Sofas und das quadratische Fenster, durch das man nur unfreundliche grüne Büsche und komische Kletterpflanzen sieht, weil das Cafe auf Kellerebene liegt. Ramona fängt an zu fegen, Lotte sammelt einzelne Zeitungsseiten – FAZ und Bild – ein und beginnt, die Stühle hochzustellen. Jein. Sollte ich helfen, ich weiß, ich sollte, auch wenn mein Nachname mit S anfängt, ich sollte, ich würde, aber nicht jetzt, nicht in diesem Moment, es ist einer von diesen Momenten. Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein. Ich muss das jetzt aufschreiben.

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Eigentlich ungewöhnlich, die vierte Soloplatte nach tollen Vorgängertiteln wie „Freak Out, It’s Ben Kweller!“ oder „Sha Sha“ plötzlich nach sich selbst zu benennen. Aber dafür gab es einen guten Grund, denn zum ersten Mal spielte Kweller alle Instrumente – von der Akustikgitarre bis zum Xylophon – selbst ein. „Ich hatte großen Respekt davor“, gibt er zu, „und einige Leute sagten, dass das verrückt sei, aber die besten Sachen entstehen ja immer aus verrückten Ideen.“ Ob die neue Platte nun wirklich die beste ist, die wir je von Ben Kweller gehört haben, sei mal dahingestellt. Sicher ist aber, dass sie ganz anders ist als das, was schon im Schrank steht und vielleicht auch als das, was man erwartet hatte. Dieses Album klingt nicht mehr so rau, rockig und ursprünglich, sondern weich, runder und nach Studio. „Mir hat es immer gefallen, rohe Stücke zu nehmen und möglichst unbearbeitet zu lassen. Aber auch das Gegenteil davon kann wirklich schön sein“, erklärt der Wahl-New Yorker.
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Ihre lieblich-süße Stimme ist sicher einer der Punkte, die die Musik dieser Band ausmachen. Ein weiterer mag der ewig nahe liegende Vergleich zu The Velvet Underground sein, aber wen juckt das schon? Schließlich bekommt “every generation the Velvet Underground it deserves”. Die schottischen Kritiker fühlen sich außerdem an Blondie und den frühen Jonathan Richman erinnert, oder auch an The Jesus and Mary Chain. Dunkel klingt diese Musik auf jeden Fall, auch, wenn sie durchaus den beschwingteren Takt kennt. Das allerdings ausgerechnet in Remember Dresden, einem Lied, welches an den zweiten Weltkrieg erinnern soll und an “all die kleinen Dresdens” jeden Tag. Hier hätten wir übrigens den zweiten Wink in Richtung Deutschland.
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Beim Hören sollte man sich bewegen wie die Musik selbst, man sollte bewegt werden, in einem Zug oder Auto oder Flugzeug. Denn schon vor dem geistigen Auge ziehen Landschaften und Lichter vorbei, wenn der Opener The Light erklingt, er ist wie eine Reise in der Dunkelheit, sei es ganz früh morgens oder spät in der Nacht. Im Verlauf der Platte scheint manchmal geradezu die Sonne aufzugehen, irgendwo weit weg am Horizont. Jimmy LaValle muss mit sich im Reinen gewesen sein, als er das schuf, und gleichzeitig gewusst haben, dass alles weitergeht, gut weitergeht, ohne jedoch zu wissen, wo er am Schluss landet. Eine Reise nun mal, ins Glück vielleicht und auf alle Fälle durch viele kleine Glücksmomente. Er muss sehr zufrieden gewesen sein.
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Kultcast #41

First we take Manhattan, then we take Berlin. 3,8 MB

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