“Is silence the answer?
- It never was.”
Elie Wiesel
Es regnet an dem Sonntag Morgen, an dem uns der alte schwarze Mann nach und durch Harlem führt. Ein schrecklicher Klischee-Regen, ausgerechnet hier. Der auf der Insel Manhattan gelegene Stadtteil ist bekannt für seine schwarze Prägung und eine hohe Kriminalitätsrate. Für Armut und Verlassenheit. Aber, so versichert uns der Mann: Diese Zeiten sind längst vorbei! Er erinnert lieber an Harlem als kleines Jazzmekka, an Ella Fitzgerald, die im gerade renovierten Apollo Club ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelte, und an den Basketballspieler Magic Johnson, der ein großes Einkaufszentrum bauen ließ und so zum Wiederaufblühen Harlems beiträgt. Aber im Regen sieht dieses Einkaufszentrum blass aus neben all den kleinen Geschäften mit heruntergelassenen Rollläden. Nur ein paar Hip Hopper schlagen sich mit hochgezogenen Schultern über die Straßen.Nach über einer Stunde kommen wir vor der Kirche an, und mit Kirchen ist das so eine Sache in New York. Es gibt sie, und zwar überall und mittendrin. Kleine gotische Kapellen zwischen Wolkenkratzern mit 40 Stockwerken, die sich scheinbar nicht klein kriegen lassen wollen von ihrem Umfeld. In der Stadt sind alle denkbaren christlich, muslimisch, sonst wie orientierten Glaubensgemeinschaften vertreten, aber solche Kapellen haben sie selten. Oft sind ihre Kirchen Häuser, die man von außen höchstens an ein paar Symbolen erkennt. Oder an aufdringlichen Gemeindemitgliedern, die Einladungen zu einer Filmvorführung verteilen, jede Viertelstunde und umsonst, wie die Leute von Scientology.
Die Harlemer Kirche wird die einzige in New York, die ich von innen sehe, und sie ist eine ganz normale. Ein Haus mit einem großen Kreuz auf der Frontseite und einem relativ pompösen Eingang. Von innen allerdings, ist sie eine richtige Kirche, fast wie Zuhause, nur mit einer kreisrunden Empore und viel blauem Teppich. Wir erleben einen protestantischen Gottesdienst.
Es ist wie im Fernsehen: Ein schwarzer Priester, den man sich ruhig so vorstellen darf wie Martin Luther King – er redet ganz ähnlich -, und ein durchweg schwarzer Chor in weiten Gewändern hinter ihm. Auch die Gemeinde ist zu großen Teilen schwarz, aber das ist nicht, was sie so sehr unterscheidet von deutschen Gemeinden. Ihr Verhalten ist anders. Erst einmal ist es nicht so wichtig, wann man kommt. Man scheint einen Spielraum von anderthalb Stunden zu haben, denn so lange trudeln immer noch Leute ein und suchen sich ihre Plätze. Sie sind sehr schick angezogen, die Frauen oft komplett in weiß und gern mit Hut, die Männer in Hemd, Krawatte und manchmal Anzug.
Am Eingang bekommen sie ein Heftchen in die Hand gedrückt, mit Terminen, Bekanntmachungen, Bibelversen und – Rätseln. Wörterrätsel, Suchbilder, alle irgendwie religiös. Später, während der Messe, beobachte ich die Kinder und Jugendlichen dabei, wie sie diese Spiele spielen, das ist ganz normal. Wäre ja auch langweilig sonst. Vielleicht. Vielleicht, wenn man das Woche für Woche sieht, oder noch öfter, und vielleicht auch, weil es nun mal ziemlich lange dauert. Drei Stunden, mindestens, und nachher noch Lunch. Aber wer das zum ersten Mal sieht, langweilt sich nicht.
Da ist dieser große, laute Chor, der singt und singt, ständig gibt es Musik, die unter die Haut geht und mitreißt. Laute Frauen mit unglaublichem Volumen, die diesen Gott preisen und anbeten in ihrem Gospelgesang. Selbst der Priester vorn am Pult singt laut, mal mit, mal ohne Text. Die Menschen stehen auf, heben die Hände zum Himmel und wiegen sich hin und her im Takt der Musik. Plötzlich gesellen sich zu Schlagzeug und elektrischer Orgel Rasseln und Schellenkränze. Man bringt hier seine eigenen Instrumente mit. Dann beginnt das Fest. Die Gemeinde rasselt und schellt, jubelt und tanzt, ruft und schreit. Manche geraten in Ekstase. Sie stampfen und müssen zwischen den Bänken hin und her rennen, um diese überwältigenden Gefühle herauszulassen. Sie weinen, sie lachen, sie krampfen, sie fliegen. Sie glauben.




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