Archiv für Oktober, 2006

Kultcast #39

Schmeißt keine Schäferhunde aus dem Fenster. 9,5 MB

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Die Lunge der Stadt

Dies ist nicht das Reservoir

“Und wir standen am Reservoir
Das gleißende Licht verwandelte alles in einen perfekten Tag”
Tomte – New York, New York

Die Lunge New Yorks ist grün und weltberühmt. Aber nicht nur wegen ihrer Größe und ungewöhnlichen Lage, sondern auch wegen der vielen Jogger. Als wir uns an einem Vormittag mit Fahrrädern aufmachen, den Central Park zu erkunden, begegnen uns unzählige. Joggende Frauen mit iPod am Oberarm, joggende Männer mit nacktem Oberkörper, joggende Mütter mit Kinderwagen, joggende Senioren, joggende Herrchen mit Hunden in allen Größen. Auf jeden Jogger kommen außerdem ungefähr 1,2 von den zutraulichen amerikanischen Eichhörnchen, diese grauen, die man bei uns nur auf Cornflakes-Packungen sieht. Mehr schreibe ich nicht zum Central Park. Er gehört den New Yorkern.

„OBJECTS IN MIRROR ARE CLOSER THAN THEY APPEAR“

In New York ruft man ein Taxi nicht per Telefon. Die Stadt hat 12 000 davon, und mindestens eines ist immer im eigenen Blickfeld. Um es zu kriegen, stellt man sich mit in den Himmel gestreckter Hand an den Straßenrand und setzt einen grimmigen Gesichtsausdruck auf.

Mein erster New Yorker Taxifahrer ist schwarz, Mitte dreißig und trägt eine Sonnenbrille. Kaum sitze ich neben ihm, erschrecke ich, weil er mit mir zu sprechen scheint, und ich ihn nicht verstehe. Aber dann merke ich, dass er telefoniert, über einen Knopf in seinem linken Ohr. Er telefoniert ständig und mit langen, schweigenden Pausen, sodass ich erst nie weiß, ob überhaupt noch ein Gesprächspartner da ist, und mich nicht traue, etwas zu fragen. Ob es in den USA erlaubt ist, mit dem Handy am Ohr Auto zu fahren zum Beispiel. Aber vielleicht ist das ja auch ganz anders in New York, und man unterhält sich nie mit dem Taxifahrer.

Irgendwann fragt er mich dann, wo wir herkommen. „Oh, Germany! Munich?“ Alle Amerikaner denken sofort an Munich. Wir reden über große deutsche Städte, das Wetter hier und dort, die Zeitverschiebung, und er lacht, als ich sage, dass ich noch nie in Frankfurt war. Dann klingelt das Telefon. Er lauscht kurz und beginnt dann einen langen fremdsprachigen Dialog. Klingt wie Spanisch. Nach dem Gespräch entschuldigt er sich dafür. Er streite mit seiner Familie, weil er eigentlich schon seine Schicht im Restaurant begonnen haben müsste. Aber wir sind noch lange nicht in Manhattan.

Ich frage, welche Sprache das war. Bangladesh, antwortet er und erzählt, dass er sechs Sprachen spricht, sogar Chinesisch. Er liebt fremde Sprachen und war schon in 22 Ländern auf der ganzen Welt. Seit sechs Jahren ist er in New York. Ich sage, Fremde finden Deutsch immer sehr schwer. Er sagt, nichts ist so schwer wie Chinesisch. Als er damals nach China kam, hatte er Hunger, aber konnte das niemandem verständlich machen. Das erste, was er deshalb lernte, was „Ich will Reis“ (er spricht es mir vor). Wochenlang ernährte er sich daraufhin bloß von Reis. Ich bringe ihm „Ich habe Hunger“ auf Deutsch bei.

Taxifahren in New York kostet grundsätzlich $2,50. Dazu dann 40 ct für jede zurückgelegte Fünftelmeile beziehungsweise für zwei Minuten im stockenden Verkehr. Zwischen Vorder- und Rücksitzen ist immer eine Trennscheibe aus durchsichtigem Plastik angebracht, die man auf und zu ziehen kann. Ich sitze bei jeder Fahrt vorn, weil ich es mag, mit den Fahrern zu sprechen. Sie sind fast alle aus dem Ausland und garantiert alle männlich.

Einmal liest einer während der Fahrt einen Groschenroman in hebräischer Schrift. Das Heft liegt in seinem Lenkrad und an jeder roten Ampel wirft er einen Blick hinein, solange bis er angehupt wird, weil längst wieder grün ist. Dann hupt er reflexartig und mit mürrischer Miene zurück. Ein anderer will, dass ich mehr Sport mache. Er redet auf mich ein und sagt, er ist gonna call my boyfriend, damit der mit mir Schluss macht und ich dann am Wochenende mehr Zeit für Sport habe. Jede Frau in New York geht ins Fitnessstudio, sagt er. Und einmal vergisst ein Fahrer doch tatsächlich, seine Uhr anzustellen.

Harlem

Harlem

“Is silence the answer?
- It never was.”
Elie Wiesel

Es regnet an dem Sonntag Morgen, an dem uns der alte schwarze Mann nach und durch Harlem führt. Ein schrecklicher Klischee-Regen, ausgerechnet hier. Der auf der Insel Manhattan gelegene Stadtteil ist bekannt für seine schwarze Prägung und eine hohe Kriminalitätsrate. Für Armut und Verlassenheit. Aber, so versichert uns der Mann: Diese Zeiten sind längst vorbei! Er erinnert lieber an Harlem als kleines Jazzmekka, an Ella Fitzgerald, die im gerade renovierten Apollo Club ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelte, und an den Basketballspieler Magic Johnson, der ein großes Einkaufszentrum bauen ließ und so zum Wiederaufblühen Harlems beiträgt. Aber im Regen sieht dieses Einkaufszentrum blass aus neben all den kleinen Geschäften mit heruntergelassenen Rollläden. Nur ein paar Hip Hopper schlagen sich mit hochgezogenen Schultern über die Straßen.Nach über einer Stunde kommen wir vor der Kirche an, und mit Kirchen ist das so eine Sache in New York. Es gibt sie, und zwar überall und mittendrin. Kleine gotische Kapellen zwischen Wolkenkratzern mit 40 Stockwerken, die sich scheinbar nicht klein kriegen lassen wollen von ihrem Umfeld. In der Stadt sind alle denkbaren christlich, muslimisch, sonst wie orientierten Glaubensgemeinschaften vertreten, aber solche Kapellen haben sie selten. Oft sind ihre Kirchen Häuser, die man von außen höchstens an ein paar Symbolen erkennt. Oder an aufdringlichen Gemeindemitgliedern, die Einladungen zu einer Filmvorführung verteilen, jede Viertelstunde und umsonst, wie die Leute von Scientology.

Die Harlemer Kirche wird die einzige in New York, die ich von innen sehe, und sie ist eine ganz normale. Ein Haus mit einem großen Kreuz auf der Frontseite und einem relativ pompösen Eingang. Von innen allerdings, ist sie eine richtige Kirche, fast wie Zuhause, nur mit einer kreisrunden Empore und viel blauem Teppich. Wir erleben einen protestantischen Gottesdienst.

Es ist wie im Fernsehen: Ein schwarzer Priester, den man sich ruhig so vorstellen darf wie Martin Luther King – er redet ganz ähnlich -, und ein durchweg schwarzer Chor in weiten Gewändern hinter ihm. Auch die Gemeinde ist zu großen Teilen schwarz, aber das ist nicht, was sie so sehr unterscheidet von deutschen Gemeinden. Ihr Verhalten ist anders. Erst einmal ist es nicht so wichtig, wann man kommt. Man scheint einen Spielraum von anderthalb Stunden zu haben, denn so lange trudeln immer noch Leute ein und suchen sich ihre Plätze. Sie sind sehr schick angezogen, die Frauen oft komplett in weiß und gern mit Hut, die Männer in Hemd, Krawatte und manchmal Anzug.

Am Eingang bekommen sie ein Heftchen in die Hand gedrückt, mit Terminen, Bekanntmachungen, Bibelversen und – Rätseln. Wörterrätsel, Suchbilder, alle irgendwie religiös. Später, während der Messe, beobachte ich die Kinder und Jugendlichen dabei, wie sie diese Spiele spielen, das ist ganz normal. Wäre ja auch langweilig sonst. Vielleicht. Vielleicht, wenn man das Woche für Woche sieht, oder noch öfter, und vielleicht auch, weil es nun mal ziemlich lange dauert. Drei Stunden, mindestens, und nachher noch Lunch. Aber wer das zum ersten Mal sieht, langweilt sich nicht.

Da ist dieser große, laute Chor, der singt und singt, ständig gibt es Musik, die unter die Haut geht und mitreißt. Laute Frauen mit unglaublichem Volumen, die diesen Gott preisen und anbeten in ihrem Gospelgesang. Selbst der Priester vorn am Pult singt laut, mal mit, mal ohne Text. Die Menschen stehen auf, heben die Hände zum Himmel und wiegen sich hin und her im Takt der Musik. Plötzlich gesellen sich zu Schlagzeug und elektrischer Orgel Rasseln und Schellenkränze. Man bringt hier seine eigenen Instrumente mit. Dann beginnt das Fest. Die Gemeinde rasselt und schellt, jubelt und tanzt, ruft und schreit. Manche geraten in Ekstase. Sie stampfen und müssen zwischen den Bänken hin und her rennen, um diese überwältigenden Gefühle herauszulassen. Sie weinen, sie lachen, sie krampfen, sie fliegen. Sie glauben.

Kultcast #38

Warum ich noch viel mehr Reisepassstempel haben muss. 12,3 MB

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New York Cubic