“When she jumped, she probably thought she could fly.”
Ein verregneter Rosenmontag 1854 in Düsseldorf. Der große Komponist Robert Schumann ist 43 Jahre alt. Seit Wochen wird er geplagt von “Gehöraffektionen”: Töne, Akkorde, wilde Musik toben durch seinen Kopf den ganzen Tag, rauben ihm Konzentration und Schlaf, machen ihn verrückt. So verrückt, dass er hinaustritt in den Regen, wo die Düsseldorfer fröhlich Karneval feiern. Auf einer Brücke zieht er theatralisch den Ehering von seinem Finger, schmeißt ihn in den Rhein, nur um wenige Augenblicke später selbst hineinzuspringen. Ein paar Schiffer vernehmen sein Aufklatschen auf das eiskalte Wasser und ziehen den Lebensmüden an Bord.
Pottwal der Goldfisch war während ihrer Kindheit Amelies einziger Freund. Bedauerlicherweise wurde der kleine Kerl aufgrund des familiären Umfelds depressiv und versuchte immer wieder, sich umzubringen. So sprang er beispielsweise einmal, in einem besonders dramatischen Fall, aus seinem Wasserglas direkt unter die Waschmaschine, von wo man ihn zurückstaubsaugen musste. Amelies Mutter belastete Pottwals Suizidgefährdung so sehr, dass sie ihn eines Tages vor Amelies Augen in einen Fluss schüttete.
Nadine aus meiner alten Klasse war eine Außenseiterin. Sie redete nicht, sondern saß da an der Seite, die langen Haare verschleierten ihr Gesicht, aufmerksam sah sie nie aus. Die Lehrer hatten sie längst aufgegeben. Jeder wusste, dass ihre Mutter gestorben und Zuhause alles ziemlich problematisch war, aber irgendwann interessierte es niemanden mehr wirklich. Sie war uns nicht sympathisch, sie war zu anders. Dann erzählte sie Katrin eines Tages, sie wolle sich umbringen. Und ob Katrin nicht mitmachen wolle. Katrin war die andere Außenseiterin, aber sie war nicht so still. So erfuhren wir davon und es interessierte niemanden wirklich. Aber dann sagte meine Freundin diesen Satz, sie sagte, besser, wir kümmern uns jetzt um sie, auch, wenn wir sie nicht mögen, als dass sie nachher tot auf dem Klo liegt. Katrin und Nadine besuchten den Schulseelsorger, das weiß ich noch, und dass Nadine wenig später umzog. Neulich habe ich sie am Bahnhof getroffen. Sie wollte Katrin besuchen.
Alle vier Minuten versucht ein Mensch, sich umzubringen. Alle vierzig Minuten kommt jede Hilfe zu spät. Deshalb ist der 10. September von der WHO zum “World Suicide Prevention Day” ausgerufen worden. Dieser Verein versucht darauf aufmerksam und Menschen zu Helfern zu machen.



(Danke für den Teil mit Amelie und dem Goldfisch, das hat mich daran erinnert, mir diesen film mal wieder anzusehen. Ein wunderbarer, ganz romantischer und … irgednwie einfühlsamer film.)
frnd.de ist ein toller verein. ich stieß vor einiger zeit auf ihn, und da hab ich auch diese zahlen gelesen, und ich bin richtig erschrocken. Erinnert auch an diese eine werbung, in der Promis mit dem Finger schnippen, um zu verdeutlichen, wie viele kinder in afrika sterben. Oder so. Ach, egal, hat damit ja wenig zu tun, aber trotzdem: frnd ist toll, und genau so unterstützungswürdig wie die “jungen Helden”. Dankesehr.
Guter Artikel. Ich glaub viel zu viele Menschen nehmen das Thema nicht ernst genug.
“Obviously, doctor, you’ve never been a thirteen-year-old girl.”
Ein guter Beitrag.
Danke, und Kathi, das ist (auch?) mein Lieblinszitat aus dem Film! Aber es passte nicht so gut, leider. Wir könnten allerdings mal einen Text über dreizehnjährige Mädchen schreiben..
(auch!) Es ist so allausdrückend. Omniexpressiv.
(Ich würde zudem sehr für eine Koproduktion.)
Sehr gern!
Hallo Eva! “Amélie” ist mein absoluter Lieblingsfilm.
Und diesen Text mit seinem Inhalt finde ich sehr gut. Hiermit viele Grüße.