All die Wochen, all die Samstagmorgen

Schlechte Ahnungen und Depression vermischen sich mit unwissender Vorfreude und einem frühen Letzte-Runde-Gefühl. Am letzten Tag der großen Ferien wird mir langweilig. Aber hier raus, nein danke.

Heute Morgen hat Mama noch gesagt, sie müsse jetzt weg, und ich müsse einkaufen. Nach sechseinhalb Wochen ist nichts schulfrühstücksfähiges mehr im Haus, warum auch. Selbst Müsli ist keines mehr da, wegen all der Samstagmorgen letzte Woche. Irgendwann abends kann ich mich dazu aufraffen und laufe zum Supermarkt.

Ich mag den kühl-herbstlichen Wind, der sich dieser Tage über die Stadt legt. Er gaukelt mir wenigstens nicht vor, wir steckten noch mitten drin. All die Wochen sind genug. Ich habe erlebt, ohne zu viel geplant zu haben. Andere hatten sicher einschneidendere Ferien, aber zum Teil sicher auch weniger erfreuliche. Die einen sind in die halbe Welt verreist für ein ganzes Jahr. Die anderen ins Jenseits für die nächste Ewigkeit; fuck.

Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt kommt gerade ein Reisebus an mit mehreren Seniorenpaaren. Sie treten langsam die Stufen herunter, lassen sich die Hände reichen. Warum kommen die am letzten Ferientag wieder, sie hätten später fahren sollen, da sind nicht so viele nervige Jugendliche an den Stränden.

Ich nehme die vorderste Packung Schokomüsli aus dem Regal, wusste nicht, dass das so teuer ist. Dann den allerschönsten grünen Apfel auf die Waage mit den Tasten. Früher waren da mal Zeichnungen drauf, jetzt haben die Früchte Nummern. Als würde das Ding mit mir erwachsen werden.

Die Kassiererin kennt mich noch immer, jetzt verwechselt sie mich auch nicht mehr mit meiner Schwester, wo ich ein paar Mal hier war in den letzten Wochen. „Morgen“, sagt sie, dabei ist es doch Abend. Sie weiß und grinst und ich grinse aber verziehe in Wahrheit keine Miene. „Ich werde früh schlafen gehen heute.“

Auf dem Parkplatz sind noch immer nicht alle gegangen, der Busfahrer verscheucht die letzten mit einer Geste von der Schnauze seines Busses weg, damit er endlich fahren kann. Ich entdecke ein Stofftaschentuch auf dem Bürgersteig.

Zurück im Haus ist es viel zu warm, ich vermisse den freien Wind da draußen, der kühlt und mein Haar fliegen lässt. Auf dem kleinen Aufkleber am Apfel steht die Nummer #4139. Ich muss erst den Taschenrechner suchen, um das auszurechnen, aber das sind doch deutlich mehr Tage, als ich je zur Schule gegangen sein werde.

3 Kommentare

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  1. -thh sagt:

    Nun denn, dann wünsche ich mal einen guten “Wiedereinstieg” aus dem Bundesland, in dem die Ferien gerade erst begonnen haben … ;)

  2. Olaf sagt:

    Ferien…diese Zeiteinheit hat für mich keine Gültigkeit mehr. Sie teilt das Jahr nicht mehr in Abschnitte, bereitet Vorfreude, verbindet. Und man wird nie mehr so oft frei haben. Seltsam irgendwie, wenn man so frisch raus ist und dann schon voll im 9-monatigen Pseudoberufsleben steht. Auch Monate verlieren ihre Bedeutung.

  3. roman sagt:

    (manchmal denke ich darüber nach, wie sich das anfühlt, diesen riesen leeren block in der mitte des jahres aus dem kopf zu verlieren. dieses reservierte feld, was unerwartet gefüllt werden kann. das jahr sieht ganz anders aus und dann vergesse ich es schnell wieder.)

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