Der Saftmann begegnete uns im Supermarkt. Er stand vor uns in der kurzen Schlange an der Kasse, und trotz deren geringer Länge bereuten wir bald, nicht die andere gewählt zu haben: Als nämlich der Saftmann sämtlichen Inhalt seines Korbes ordentlich hintereinander auf das Band zu legen begann. Es handelte sich nicht um die mehr oder weniger üblichen Einkaufskorbkombinationen, die man gewöhnlich im Supermarkt antrifft. Die Familien-Großeinkauf-am-Samstag-Kombination oder die Studenten-WG-Kombination, oder auch die Single-40-sucht-Kombination. Es war auch nicht die Freitagabend-Fußball-Treff-Kombination, neben der dieser sehr ähnlichen Party-Kombi die einzige, die uns bei einer solchen Anhäufung von Getränken nicht weiter verwundert hätte. Es war eine uns vollkommen neue Kombination, die uns zwar sehr wahrscheinlich nie wieder begegnen wird, die aber trotzdem einen Namen verdient hat. Wenn man nur ihren Sinn kannte.
Der Saftmann packte – und wir begriffen schnell, dass sie zu zählen sich lohnen würde – über zehn verschiedene Säfte aufs Band. In Plastik- und Glasflaschen, Tüten und Tetra Paks. Zu großen Teilen Orangensaft, aber auch Multivitamin- und Traubensaft. Und von jedem mindestens zwei. Zum Schluss und ohne eine Miene zu verziehen deutete er noch auf die Sechserpackung Küchenpapierrollen in seinem Wagen, die schlichtweg nicht mehr aufs Band passte. Die Kassiererin, eine gewisse D. Stiller, hat sehr wahrscheinlich ebenfalls keine Miene verzogen. So oder so war das aber aufgrund ihres stark geschminkten Gesichts nicht zu erkennen. Sie kassierte also, einen Betrag, den wir nicht mitbekamen, weil wir schon in Spekulationen vertieft waren. Spekulationen um einen möglichen Namen für diesen Einkaufskorb.
War es vielleicht eine Stiftung-Warentest-Kombination, für einen langfristig geplanten, groß angelegten Saft-Test? Doch dafür wären statt der Küchentücher eher ein paar Flaschen Wasser als Geschmacksneutralisierer vonnöten gewesen. Es konnte auch die nahe liegende Gastronomie-Kombination sein, der Mann war ein frisch gebackener Restaurantbesitzer, der wenige Säfte für seine Speisekarte aussuchen musste. Oder ein Bistrokellner, der wegen der schlechten Qualität seines bisherigen O-Saftes ständig Beschwerden erhalten hatte und dem jetzt ein Ende machen wollte. Vielleicht wollte er sogar einen ganzen Saftladen eröffnen. Aber da gibt es doch ausschließlich selbst gemachte Säfte, oder?
Hinter der Kasse las der Mann seine Quittung und rechnete noch mal nach. Er schien nichts vergessen zu haben, sondern machte sich auf den Weg nach draußen auf den Parkplatz. Nicht ohne den Bon einzustecken – zu unserer maßlosen Enttäuschung. Aber vielleicht brauchte er ihn später tatsächlich noch mal, um den Saft von der Steuer abzusetzen! Möglicherweise war er ein Kindergärtner, der mit seinen Schützlingen Eis herstellen wollte. Die Wassereis-Kombination! Nach der alten Masche, Saft in die Plastikbecher, Stab rein, und dann im Eisfach gefrieren lassen. Da wären dann endlich auch die Küchentücher plausibel, bei Kindergartenkindern! Er schob seinen Wagen über den Parkplatz zu einem großen Auto. Packte alles ein, fuhr los und war schließlich aus unserem Blickfeld verschwunden.
Wir machten uns auf den Weg nach Hause. Mit der wir-brauchen-nicht-viel-für-einen-besten-Nachmittag-Kombination im Rucksack.


Ich mag das, mir Geschichten zu dem bisschen Information, was ich zu anderen wahrnehme, auszudenken. Das vervollständigt sie, wenn auch möglicherweise vollkommen unzutreffend.
(Wenn wir so einkaufen gehen, steht übrigens ein Cocktailabend an – den Grundalkohol, der so schnell nicht ller ist, hat man irgendwann da, Säfte müssen immer wieder neu herangetragen werden).
ok. :)
Ja, Christoph, du hattest recht, da war doch noch dieser Artikel..
Den habe ich heute “von der Arbeit aus” versehentlich gelöscht. Ich war sehr überrascht, einen Kommentar verzeichnet zu sehen, weil ich den Text für nicht allzu gut / kommentierenswert hielt, und klickte statt auf “Lesen” auf “Löschen”. Den dollen Komentar konnte ich zum Glück noch retten, den Saftmann sowieso, und da sind sie wieder. Danke also, ungefragt (;
Der Saftmann bewohnt eine Burgruine in Rumänien. Er stellt die schönsten Exemplare seiner internationalen Saftsammlung an lauen Sommerabenden in die von Kerzen beleuchteten Fenstererker, so dass sich das gesamte Dorf im Tal daran erfreuen kann.