Nicht. Einschlafen.

Schwere Gedanken füllen den Raum bis an die Decke. Die langen Haare verschleiern dein Gesicht und ich kann nicht erkennen ob du weinst oder nur schwer atmest unter der Last der Kopfsätze, die im Zimmer und auf deinen Schultern liegen. Das Fenster ist die einzige Lichtquelle. All die Auswüchse und Triebe dieses Gedankendschungels, sie wachsen in die eine Richtung als wollten sie flüchten, und werden doch immer dichter, zu einem Dickicht. Ich will mich nicht durch den Wald kämpfen zu dir, ich habe kein Schwert. Ich schließe meine Augen, die einzige Lichtquelle meines Inneren, lasse es dunkel werden. Gedanken verkümmern in mir, nicht mehr fähig zur Synthese. Ich spüre nur noch, wie mich die Kraft verlässt.

Die Müdigkeit ist ein kleines Kind mit großen, nichtssagend-leeren Augen, das sich leise und bedächtig nähert. Mit zarten Händen legt es sanft seine Schlafsteine auf meinen Körper. Auf Arme, Beine, Rücken und Kopf. Dunkel und schwer, einen nach dem anderen. Immer schwerer. Und schwerer. Und schwerer. Und schwerer. Bis ich sie irgendwann nicht mehr spüre, weil ich schlafe.

Um mich dann, in irgend einem Moment nach dem Aufwachen, wieder einmal zu fragen, ob man es eigentlich merkt, kurz vorher, dass man einschläft. Nimmt man diesen Zustand, Aggregatzustand zwischen tiefster Müdigkeit und Schlaf, wahr am eigenen Leib? Vielleicht, denke ich dann, ist das eine der magischen Eigenschaften des Schlafs: Der Moment vorher, den man jedes Mal wahrnimmt, aber immer vergisst. Was passiert in diesem Moment? Sieht man exklusiv die Vorschau, den Trailer der Traumfilme, die diese Nacht schon warten? Oder schließen sich eher die schweren roten Samtvorhänge des Tages und hüllen alles in Dunkelheit? Spot an? Oder Licht aus?

Aber jetzt darf. Ich. Nicht. Schlafen. Muss die Steine. Abschütteln. Runterkriegen. Von meinem Kopf. Armen. Rücken. Nicht. Einschlafen.

Denn jetzt ist noch nicht Nacht, es ist bloß Nachmittag. Wenn auch kein besonders guter. Wenn ich jetzt einschlafe, dann kommt die Nacht und wird mich gefangen halten, später, hier, wo ich nichts mit ihr anfangen kann, weil du da noch bist. Solange du da bist, bin ich nicht allein genug mit der Nacht. Ich will die Nacht nicht mit dir teilen. Solange du neben mir schläfst, muss auch ich die Nacht verschlafen. Denn in der Nacht muss man einsam sein. Wenn ich jetzt. Einschlafe. Werde ich. Heute Nacht. Wachliegen. Und statt mit der Nacht zu spielen, zu reden, statt sie zu zelebrieren, werde ich wieder nur hier liegen können und mich mit Gedanken rumschlagen müssen. Gedanken, die erst die besten sein können, die aber früher oder später ganz sicher ergriffen werden von meinem Gewissen, die unterworfen werden und mich nicht mehr in Ruhe lassen. Dann raubt mein Gewissen mir den Schlaf, denn irgend etwas fällt ihm ja immer ein. Und durch das Fenster, die einzige Lichtquelle, werde ich die Sterne sehen, viel zu weit entfernt in dieser Nacht.

Deswegen darf ich nicht. Einschlafen. Nicht. Jetzt. Ich schiebe die. Steine. Wie einen. Großen. Schweren. Brocken. Bewege ich den. Arm. Sie fallen herab. Von der Bettkante. Alle. Samt. Und das Kind, die Müdigkeit, wirft nur einen leeren Blick darauf und sammelt sie ein. Einen nach dem anderen, mit zarter Hand, während ich aus dem dämmrigen Nebel seines Werks, der Müdigkeit, auftauche. Dann verlässt es mich wieder, bis in wenigen Stunden, bis heute Nacht.

Unter dem Bett finde ich ein Schwert.

3 Kommentare

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  1. blacky sagt:

    Sehr schön. Auch wenn ich vermutlich wenigstens die Hälfte der Anspielungen nicht verstehe.

  2. Simon sagt:

    Wunderbarer Text!

    Wenn ich einschlafe, dann habe ich manchmal dieses Zucken, dann wache ich noch für einen winzigen Moment auf, denke mir “ah, jetzt schlafe ich ein”, und dann schlafe ich ein.

  3. David sagt:

    ich denke mir vor dem schlaf manchmal dass wenn ich jetzt einschlafe, das nächste was ich erlebe der nächste morgen ist
    eine art zeitsprung oder sowas

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