Archiv für April, 2006

Wie im Himmel

Wie im Himmel

„Ich bin gekommen, um zuzuhören.“

Wie schreibt man über einen Film, der derart überwältigt, dass man am liebsten nicht einmal darüber sprechen würde. Ich weiß es nicht, und ich sträube mich auch immer noch, doch gleichzeitig kann ich nicht ohne irgendwo festzuhalten, und ohne irgendwie weiterzugeben. Denn mit diesem Film kann man bekehren und erleuchten, dieser Film trifft jeden, er überzeugt.

Daniel Dareus hatte eine schwere Kindheit in einem kleinen schwedischen Dorf. Schon als kleiner Junge träumte er davon, mit seiner Musik die Herzen aller Menschen öffnen zu können. Wegen seines Andersseins wurde er nur gehänselt, seine Eltern starben beide während seiner Jugend. Bereits mit 15 hatte er einen Künstlernamen und ging in die weite Welt hinaus, um ein berühmter Dirigent zu werden. Doch als er einen Herzinfarkt erleidet, kann er diesen Beruf nicht weiter ausüben. Er kehrt in sein Heimatdorf zurück, um Ruhe zu finden, einfach zu hören.

Ziemlich schnell kommt es so dazu, dass er den kleinen Kirchenchor hört. Und von dem, was er hört „klingt vieles ziemlich schön“. Er ergreift die freie Stelle des örtlichen Kantors und hat zuerst bloß mit dem Misstrauen der Sänger und der Unruhe während der Proben zu kämpfen – sehr bald wird jedoch klar, dass hier jeder eine eigene Geschichte mit ganz persönlichen Problemen hat. Da wäre zum Beispiel die zweifache Mutter und begabte Sängerin Gabriella, die von ihrem trinkenden Mann geschlagen wird. Inger, die Frau des Pastors, die ein Problem mit der Beziehung zu ihrem Mann hat, welcher wiederum den neuen Kantor nicht leiden kann. Oder die wunderschöne, herzliche Lena, die tief in sich drin eine große Traurigkeit verbirgt.

All diese und noch viel mehr verschrobene, liebenswerte schwedische Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind hier versammelt und sorgen immer wieder für überraschende, schöne oder verschreckende Momente. Gleichzeitig wachsen alle zusammen, mit jedem Ereignis, aber auch mit jeder kleinen Geste und all den Feinheiten, die so wunderbar in Szene gesetzt und genau beobachtet sind. Es ist ein typisch skandinavischer Film, denn skandinavische Filme haben eine besondere Eigenschaft: Sie sind ehrlich, grundehrlich. Sie zeigen das wahre Leben, die Menschen, wie sie sind. Sie beschönigen nichts, sondern sind der Realität hautnah. Das muss man nicht wissen, nicht kennen. Das fühlt man.

Selten habe ich in Filmen so menschliche Dialoge verfolgen dürfen, selten so charakterisierend-gute Kostüme oder eine so schöne Ausstattung gesehen. Jede einzelne Rolle wächst einem ans Herz, noch dazu, weil jede auf ihre Art einfach unglaublich gut gespielt ist. Man möchte rein in dieses Dorf mit seiner Gemütlichkeit, wo sich jeder duzt und alle Türen offen stehen, rein in diesen Chor, der wild tanzt und spielt und sich findet im eigenen Ton, laut und impulsiv und von ganz tief innen drin.

Dieser Chor, der sich in seinen Dirigenten verliebt, während der auch noch mit sich selbst fertig werden muss, um endlich sein Herz verschenken zu können. Während er Radfahren lernt. Während er andere rettet und umwirft und alles verändert. Es ist ein kleiner Film, wie ein Geheimnis. Man kann ihn in den Händen halten und sie so wärmen. Und das macht ihn riesig groß.

Trotz der vielen Facetten dieses Films, trotz der vielen Geschichten, die er erzählt, trotz der zahlreichen Lehren und Weisheiten, die er enthält, wirkt er doch niemals überladen, sondern vielmehr reich. Er ist eine unglaubliche Bereicherung. Ein Film über Musik, über Religion, über Toleranz. Über das eigene Paradies und die Liebe und das Miteinander. Ein Film, der genau das ist, wonach er benannt ist. Wie im Himmel.

Durch das Tor, am Morgen

Das Kinn gereckt, die Unterlippe leicht nach vorn geschoben, zusammengekniffene Augen, den Hals gerade. Die Hände in den Taschen, sie streben am stärksten nach vorn. Der Wind in den Wimpern. Zielgerichtet nach vorn. Eine Zufriedenheit. Eine Form von Glück. Sie tritt oft im Gehen auf.

Kultcast #20

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   Kultcast #20
(8,41 Minuten | 8 MB)

Erwarte nichts.

Beschwanzte Mädchen mit langen Haaren und Perücken und Löffeln und einer Matratze gehen auf die Barrikaden. Sie sind für ein neues System. Oder wollen sie bloß spielen? Abseits der Bühne sitzt die Band und wartet auf ihren Einsatz. Oder wollen die bloß spielen? Irgendwann nach lang-lautem Aufstand fallen ihnen die Tröten aus den Mündern und wir zurück auf den Gang, durch die schwere, aber nicht wirklich schalldichte Holztür. Das war Raum 222, der Saal.

Aber es gibt noch so viel zu entdecken. Treppe rauf und Treppe runter, sechs Stockwerke! Hundert Türen, tausend Ideen. Manche sind verschlossen, die Bewohner gerade nicht da. Manche sind aber auch immer offen, weil die Bewohner alle sind. Denn in diesem Haus kann man sich ein Zimmer mieten – oder ein freies bewohnen, so lange man will. In einem Raum finden wir unperfekte Mode und gruselige Puppen, beides mit großen Augen und in grellen Farben. Hinter verstaubten Fenstern bemalte Leinwände. Auf den Fluren Sessel und Sitzsäcke, da hinten ein paar Punks und sonst welche, die rauchend das nächste Projekt besprechen. Eine von ihnen strickt. Beamer werfen psychedelische Bilder an die Wände.

Wo ist die nächste rote Tür, wo das nächste Stockwerk? Im Keller wellige Wände, die kann man sich auch zu Hause machen lassen. Auch der plastische Gestalter nutzt das hier als Sprungbrett. Auf dem Gang Bilder, Portraits von Fotografen, die es noch nicht geschafft haben. Ein Materialraum. Weiter oben kann man umsonst ins Netz oder seine Tageskarte gegen Essbares einlösen. Im wohnraum essen, heißt liegend essen auf bunten Matratzen, hinter Vorhängen oder in Sitzsäcken. Dort wird man nicht immer bemerkt.

Wir sind in Essen. Im unperfekthaus. Jeder darf rein, gegen geringen Eintritt, und machen was er will. Kann im Treppenhaus die Stufen anmalen oder die Wände, kann Botschaften verbreiten, singend, tanzend, spielend. Oder einfach nur zuschauen, was andere da tun. Nichts ist verboten, alles steht offen, jeder ist willkommen. Komm rein, komm spielen.

“Seien Sie vernünftig. Hören Sie auch mal auf Ihren Bauch.” (Skoda-Slogan, 2005)

„Bauch? Warst du das gerade?“
„Hab ich mich also nicht verhört. Aber ehrlich gesagt passt es jetzt gerade nicht so gut.“
„Tatsächlich?“
„Uj.“
„Du, entschuldige, wenn ich dich unterbreche, aber man versteht dich so schlecht. Klingt, als wäre da viel los bei dir?“
„Flugzeuge? Oh. Das ist schön. Aber was ist mit Schmetterlingen?“
„Jetzt reg dich doch nicht so auf! Nein, ich hatte nicht vor, dir ein Loch zu fragen.“
„Ja, ey. Echt.“
„Wie bitte?!“
„Bauch, du bist ganz schön sprunghaft!“
„Was sagst du? Seit ich mir mal die Beine in den Bauch gestanden habe?“
„Na, dann entschuldige ich mich rechtherzlich dafür. Wie kann ich das denn wieder gutmachen?“
„Etwas essen. Mh. Das geht okay. Man soll ja auch mal auf seinen Bauch hören, nicht wahr?“
„Bauchentscheidung? Ha, hahaha, der war gut, Bauch, der war gut! Quasi aus dem Bauch raus, was? Hahaha!“