„Ein schwerer Unfall hat sich in der Nacht zum Mittwoch auf der A 44 ereignet. Kurz nach ein Uhr fuhr ein 50-jährige Trucker aus Bremen seinen Lkw in Richtung Wuppertal..“
Pscht! Sei mal ruhig! Mach das mal lauter! Meine Mutter möchte das hören! Wann immer das Lokalradio von „tragischen Unfällen“ berichtet, in der Zeitung zerknüllte Autos abgebildet sind, darf sie das nicht verpassen. Manchmal liest sie vor, oder erzählt davon, und dann hat sie die Daten ganz genau im Kopf. Welche Straße und wie lang war sie gesperrt, wie viele Autos, wie viele Tote, wer hat Teilschuld und was war überhaupt die Ursache. Ich verstehe das nicht.
Bei Crashs und schwer Verletzten versucht man doch eher, wegzuhören, oder? Um sich die Laune nicht verderben zu lassen, um nicht noch mehr Angst vorm Autofahren zu bekommen, um nicht an all die Schicksale denken zu müssen. Denn wobei hilft es schließlich, was bringt es, über solche Dinge genau Bescheid zu wissen? Warum wird überhaupt so ausführlich darüber berichtet? Nachher sagen sie alle doch bloß wieder: „Hast du schon gehört?? Schrecklich, schreck-lich!“ Und können nichts rückgängig machen, nichts dagegen tun.
Letztlich ist es wohl wieder mal einer dieser Instinkte, Reflexe, aber ich glaube, er ist nicht so sehr verbreitet, so verhärtet wie.. na ja. Wie der Wegspring- oder Bremsreflex zum Beispiel, den hoffentlich jeder Verkehrsteilnehmer hat, wenn die Gefahr besteht einen von diesen Unfällen zu bauen, auf die meine Mama so steht.


Lieber ein wenig Sensationlust als Desinteresse. Wenn man’s nicht übertreibt.
Das hängt wohl ganz von der persönlichen Einstellung ab. Ich habe zum Beispiel kein Problem, mir sowas im Radio anzuhören; mir ist es nicht möglich, zu sagen, ob das jetzt einfach schlichte Ignoranz gegenüber den Leben anderer oder einfach eine Desensibilisierung gegenüber solchen Meldungen ist, aber es bleibt halt so. Andere hingegen fragen dann schon mal, ob man nicht mal eben den Sender wechseln oder das Radio ganz ausschalten kann.
Aus der “instinktiven” Sicht betrachtet, bzw. des veerbten Wissens, wie es so schön umstritten heißt, schätze ich mal, daß es noch daher rührt, daß es einfach wichtig war, zu wissen, wer wie, wo und wann das Zeitliche gesegnet hat, einfach um einen Überblick über die eigene und die anderen Gruppierungen zu haben. Bei Frauen wohl eher als bei Männer, da wir Männer ja uns eh darauf konzentrieren müssen, mit Speer in der Hand diese blöde Gazelle zu erlegen.
Tja, und ich find’s einfach interessant – wenn es auch nicht alle Einzelheiten sein müssen. Aber das mag beruflich geprägt sein. ;)
Mindestens jeden zweiten Morgen hört im Radio bei den Nachrichten das hier auf der A12 (und die ist gerade mal so um die 70km lang) wieder ein schwerer Unfall passiert ist. Irgendwie gewöhnt man sich dran, fragt nur hört das denn nie auf? Es ist wegen der vielen Trucks hier (nach und aus Polen) einer der größten Unfallschwerpunkte im Land. Aber wenn man sieht, wie sie fahren, dann wundert einen garnichts mehr und man ist überrascht, dass nicht noch viel mehr Unfälle passieren.
Tja, ich schätze das ist so ein Instinkt, der Jäger und SAmmertechnisch relativ wichtig war. Um nicht selber gefressen zu werden, musste man neugirig sein und sich Informieren. Ob man nun Unfallmeldungen hört, oder Weblogs liest spielt da auch keinen großen Unterschied.
Ich glaube, es kommt noch etwas anderes hinzu.
Man ist froh, nicht betroffen zu sein. Der Mensch definiert sich gerne durch Kontrast zu anderen: so bin ich nicht, mir wäre das nicht passiert und so weiter. Auch eine Schutzreaktion: “mir geht es gut, andere sind viel schlechter dran.”
Nicht umsonst gibt es diesen Witz:
Ein englischer Gentleman strandet auf einer einsamen Insel. Nach fünf Jahren wird er gerettet. Der Rettungstrupp sieht, dass er drei Häuser gebaut hat. Auf die Frage, was das soll, meint der Gentleman: “Nun, das links ist das Haus, in dem ich wohne und das in der Mitte der Club, in den ich gehe.” “Und was ist das ganz rechts?” “Der Club in den ich nicht gehe.”
Ui, das kommt mir bekannt vor, das macht meine Freundin auch gern. Ich versuche immer Desinteresse zu heucheln, doch leider finde auch ich hin und wieder auf irgendeine Weise Gefallen an solchen Geschichten, was mich mich über mich selbst maßlos ärgern lässt.
Noch schlimmer finde ich allerdings die Gaffer. Neulich auf der A2: Baustelle, der Verkehr fließt eh nur mäßig, auf dem für Bauarbeiten gesperrten Stück stehen zwei Autos, die offensichtlich kollidiert sind. Zwei Kilometer Rückstau, aber direkt nach der Unfallstelle läuft der Verkehr wieder flüssig. Da stehe ich dann schon kurz vorm Ausrasten. Was soll das? Hoffen die Menschen, irgendwo noch Blut zu sehen? Fürchterlich.