Katharina hat ihr Herz verschenkt

Wie ein Stück Papier zum Lebensretter macht

1982 wurde Gregory Scott Johnson in Indiana/USA zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung durch die Giftspritze war für den 25. Mai 2005 angesetzt. Doch wenige Tage vorher reichte er einen ganz speziellen Antrag ein: Bei seiner Schwester Debbie war drei Wochen zuvor eine schwere Leberentzündung diagnostiziert worden, sodass sie nun dringend auf eine Spenderleber aus dem engeren Kreis ihrer Angehörigen angewiesen war. Johnson beantragte eine Verzögerung seiner Hinrichtung, damit seine Leber entnommen und der Schwester eingesetzt werden konnte.

Immer mehr Menschen sind heute auf die Spende fremder, Leben rettender Organe angewiesen. Doch viel zu wenige wissen, wie das überhaupt funktioniert und möglich ist. Dabei ist es so einfach! Das fand auch die 16jährige Katharina Müller, nachdem ein Werbeplakat ihr Interesse geweckt hatte und sie sich informierte. Sie stieß auf die Website des Vereins Junge Helden e.V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, besonders junge Menschen in Deutschland zur Organspende zu motivieren.

Grund dafür war Claudia Kotter. Sie benötigte im Sommer 2003 plötzlich selbst eine Spenderlunge und gründete mit einigen Freunden und Familienmitgliedern den Verein. Inzwischen konnte sie auch viele Prominente zur Unterstützung gewinnen um ihre Botschaft zu verkünden. So sind Jürgen Vogel und Jana Pallaske in einem Werbespot zu sehen, die Berliner Band Virginia Jetzt! macht die Musik dazu, und bei Benefizpartys steht Markus Kavka hinter der Theke und Thees Uhlmann an den Turntables. „Es muss jede Menge Aufklärungsarbeit zum Thema geleistet werden, diffuse Ängste müssen verschwinden“, erklärt Claudia Kotter. „Die meisten Deutschen finden Organspende zwar okay, aber nur ein Bruchteil von ihnen besitzt den dazu nötigen Spendenausweis.“

Katharina besitzt einen. Unter www.junge-helden.org hat sie ihn ganz einfach ausgedruckt und dann „Ja“ angekreuzt, jetzt hat sie ihn immer dabei. „Wenn ich mit einem kleinen Stückchen Papier im Portemonnaie irgendwann mal Menschenleben retten kann, ist das doch klasse“, findet sie. „Falls ich vom Auto überfahren werde, brauche ich auch kein Herz, keine Leber und keine Nieren mehr. Ein anderer wartet vielleicht schon lange darauf. Und insofern ist es mir schon egal, was mit meinen Innereien und meiner Haut nach dem Tod passiert. Ich will bloß nicht, dass nichts mit meinen Organen geschieht. Dafür sind sie zu wertvoll.“

Was genau mit Katharinas Organen passierte, falls sie durch einen Unfall sterben würde, kann Claudia Kotter erklären: „Zuerst müssen zwei Ärzte den Spender unabhängig voneinander für hirntot erklären. Das heißt, dass die Wiedererlangung des Bewusstseins vollkommen ausgeschlossen ist.“ Anschließend würde die Tauglichkeit der Organe intensiv geprüft. „Dabei können bestimmte Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes eine Spende einschränken. Krebserkrankungen oder spezielle Nervenleiden schließen eine Transplantation aus.“

Die Erfolgsquote von Transplantationen liegt heute bei über 75 Prozent. Fast genauso hoch ist auch der Anteil der Jugendlichen, die einer Organspende heutzutage grundsätzlich positiv gegenüber stehen. Die jungen Helden wollen sie dazu bewegen, ihren Willen zu dokumentieren und sich einen Ausweis zu besorgen: In der Arztpraxis, bei der Krankenkasse oder aus dem Internet. Denn jeder über 14 darf selbst entscheiden, was einmal mit den eigenen Organen passieren soll, so legt es ein spezielles Gesetz von 1997 fest.

Katharina hat ihr Herz bereits verschenkt. Und ihre Niere, ihre Lunge, und alle anderen Organe, die noch gebraucht werden. Irgendwann kann sie damit vielleicht ein Leben retten.

Das gelang Gregory Scott Johnson jedoch nicht: Der Antrag auf eine Verschiebung seiner Hinrichtung ist zurückgewiesen worden. Am 25. Mai starb er und seine Leber wurde durch das tödliche Gift verseucht. Nach der Hinrichtung fand man eine handschriftliche Notiz: “Es gibt Menschen, die sagen, Debbie würde innerhalb von drei Wochen nach Einschreibung auf der Warteliste eine neue Leber erhalten. Ich werde das von oben beobachten und erwarte, dass sie sich dann erholen wird.”

Achtung: Das Interview mit Claudia Kotter habe ich nicht wirklich geführt.
Und jaha, das ist diese Katharina. Danke nochmal.

14. Platz Schülerwettbewerb zum Film “Sophie Scholl”
1. Platz Comeseedo, Sparte Journalismus

3 Kommentare

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  1. Olaf sagt:

    Seit dem 16.4.2004 ist so ein Ausweis in meiner Geldbörse.
    Ich dachte mir damals, das würde sich lohnen – so oft, wie man als Fahrradfahrer fast von anderen Verkehrsteilnehmern überfahren wird.
    Und da ich keinem Glauben nahe stehe, der es verlangt, dass man für Sex, Drugs und Rock’n'Roll im Paradies seine Organe bräuchte, kann ich mit dem Gedanken sehr gut Leben, dass einmal im Leben (bzw. genau genommen danach), etwas nützliches zu Stande bringe.
    Ich verschenke also nicht nur mein Herz, sondern auch meine, soweit ich weiß, anderen gesunden Organe (die da wären: alle).
    Aus meinem Fettgewebe darf man danach auch Antifaltencreme herstellen, aus meinen Knochen Gummibärchen und aus meiner Lendengegend Potenzfördernde Mittel.

  2. Olaf sagt:

    PS: Frohe Weihnachten euch Leuten der Darmstadt- und Borken-Connection.

  3. Kathi sagt:

    Ha, schön in deinen Archiven zu stöbern.

    Jetzt bin ich übrigens bald drei Jahre älter und in meinem Portemonnaie wohnt neben meinem Organspendeausweis ein Stück Papier der Deutschen Knochenmarkspenderdatei.
    (Blut spenden durfte ich übrigens nicht. Zu fipsig soll ich dafür sein, naja, dann halt nicht.)

    http://www.dkms.de

    Ein wenig komplizierter als einfach einen Ausweis auszudrucken, aber ein paar Milliliter Blut kann jeder spenden. Und Schokolade gibts auch auf solchen Registrierungsterminen. In meiner Heimststadt war einer, gesucht wurde ein Spender für einen ortansässigen leukämiekranken Familienvater. Toll war, dass sie zum Zeitpunkt des Termins schon einen Spender gefunden haben. Noch toller war, dass die Aktion trotzdem durchgeführt wurde und viele Leute sich registireren lassen konnten. Eine solche Aktion ist nämlich nicht ganz preiswert (trotz freiwlliger Helfer) und oft nur durch Spenden zu finanzieren. Möchte man sich zB über den Hausarzt registrieren lassen, kosten Transport, Untersuchung und Verwaltung des Bluts und der Daten 50 Euro.

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